Seit zehn Jahren schultert Tanja Ariane Baumgartner bei den Salzburger Festspielen Opern-Partien -und nicht die leichtesten. Die Deutsche war die Gräfin Geschwitz in Alban Bergs fahriger "Lulu", hat in Bernd Alois Zimmermanns vertrackten "Soldaten" mitgewirkt und in Hans Werner Henzes neutönenden "Bassariden". Nun ist Baumgartner, in den zehn Vorjahren Ensemblemitglied der Staatsoper Frankfurt, wieder hier - und leiht Klytämnestra in Strauss’ "Elektra" ihre profunde Stimme. Ein Gespräch über die Covid-Krise, Salzburg und komplexe Frauenfiguren.

"Wiener Zeitung":Künstler müssen in Salzburg heuer Kontakttagebuch führen, Treffen einschränken, Tests machen. Wie anstrengend ist das?

Tanja Ariane Baumgartner:Das geht schon. Ich bin keine Partygeherin, und vor einer Premiere passt man sowieso auf sich auf. Klar - wir hatten diesmal kein schönes Künstlerfest. Andererseits muss man sagen: Wir dürfen auf die Bühne, viele andere Künstler sitzen zuhause.

Und die Tests?

Habe ich praktisch alle fünf Tage.

Tut das weh?

Es wird hier durch die Nase gemacht. Tut nicht weh, aber kitzelt, und man muss ein bisschen heulen, weil es so nahe am Tränenkanal ist.

Haben Sie viele Auftritte verloren?

Alles, seit am 13. März der "Ring" in Chicago gecancelt wurde. Am 15. Februar bin ich als Carmen auf der Bühne gestanden - dann erst wieder am 1. August als Klytämnestra hier.

Mögen Sie die Rolle? Sie spielen ja gern düstere Frauenfiguren und versuchen, deren Charakter zu erklären.

Als dramatischer Mezzo hat man ohnedies kaum harmlose Figuren, auch Carmen ist keine. Ja, ich finde es spannend, in meiner Rollengestaltung den psychologischen Hintergrund hervorzuholen und die Figur in dem Sinne verständlich zu machen - was natürlich nicht bedeutet, dass ich Verbrechen gutheiße. Womit ich lange ein Problem hatte, war die Ortrud (in Richard Wagners "Lohengrin", Anm.). Warum ist sie so böse? Ich verstand es nicht. Bis mir klar wurde, dass sie die alte Ordnung vor dem Christentum verteidigt. Das konnte ich nachvollziehen, und so wird man zum Anwalt der Figur.

In der Salzburger "Elektra" sprechen Sie am Anfang einen Monolog, der Klytämnestras Vorgeschichte erzählt . . .

Es macht mir Spaß, einmal etwas sprechen zu dürfen. Ich muss aber auch aufpassen. Die Regie will den Text temperamentvoll; die Stimme braucht danach etwas Zeit, um wieder in den Singmodus zu kommen.

Apropos Zeit. Manche Musiker haben sich nach den Vormonaten eingerostet gefühlt. Wie ging es Ihnen?

Ich bin durchs Unterrichten drinnen geblieben, auch durchs Üben. Aber ich hatte in den vier Wochen vor der "Elektra" mehr Lampenfieber, als ich es sonst kenne. Wenn man permanent auf der Bühne steht, ist man daran gewöhnt und denkt nicht so drüber nach. Unmittelbar vor der Premiere war es dann aber wieder okay.

War Ihnen langweilig im Frühling?

Ich war eigentlich immer beschäftigt. Ich habe eine Hochschul-Professur, und: Ich habe mich auf die Klytämnestra bei den Salzburger Festspielen vorbereitet. Irgendwie hatte ich im Hinterkopf: Wenn’s einer hinkriegt, dann Salzburg.

Hat man als Künstler die Angst: Was, wenn ich das Virus einschleppe?

Eine gewisse Angst lässt sich nicht wegdiskutieren. Andererseits: Es ist kein größeres Risiko, als in einen vollen ICE einzusteigen, in den ich reinmuss und in dem dann, wer weiß, manche die Maske unter die Nase hängen lassen. Aber ich bin schon sehr vorsichtig, vor allem möchte ich das Virus niemandem bringen. Ich ziehe die Maske lieber einmal zu oft über als einmal zu wenig.

Wie wird der Theaterherbst, denken Sie - mit Schachbrettmuster oder vielleicht wieder mehr Besetzung im Saal?

Ich bin keine Virologin. Mein Laienverstand sagt mir, je weniger im Publikum gesprochen wird und je besser die Belüftungen ist, umso mehr Menschen könnten wohl rein. Auf der anderen Seite halte ich eine Kulturveranstaltung nicht für gefährlicher, als in einem Flugzeug zu sitzen - und die sind knallvoll. Ein Kollege hat mir erzählt, die Menschen müssen im Flieger Maske tragen, aber alle Plätze sind besetzt. Das ist ein Ungleichgewicht gegenüber der Kulturwelt. Da müssen wir kämpfen, um uns nicht wegrationalisieren zu lassen.