Seit 1920 ertönt am Salzburger Domplatz alljährlich der Ruf "Jeedermaaann". Für Schauspiel-Intendantin Bettina Hering ist das 100-Jahr-Jubiläum willkommener Anlass, um das bewährte Traditionsstück mit einer Neuauflage zu konterkarieren. Der prestigeträchtige Auftrag erging an Milo Rau. Die Uraufführung von "Everywoman" findet am Mittwoch (19. August) in der Szene Salzburg statt.

Der 43-jährige Schweizer Theatermacher zählt gegenwärtig zu den einflussreichsten Bühnengrößen. Mit seinem globalen Polit-Theater fordert er als Intendant des Genter Nationaltheaters das Prinzip Stadttheater heraus, wie kaum ein anderer. Alexander Kluge bezeichnete seine szenischen Re-enactements politischer Ereignisseals "Real-Theater"; Rau selbst beschreibt seine Arbeit in Anlehnung an Joseph Beuys als "Sozialen Fantasie" und entwickelte eine Methode der "investigativen Anthropologie".

Realitätssplitter

In Wien war im Vorjahr bei den Festwochen seine Adaption des antiken Dramas "Orest in Mossul" zu sehen, die diesjährigen Festwochen hätte er mit der szenischen Fortsetzung "Antigone im Amazonas" eröffnen sollen. Coronabedingt wurde das Projekt abgesagt, stattdessen hielt Antigone-Darstellerin, Aktivistin Kay Sara, online eine Brandrede gegen die Zerstörung des Amazonas.

Auch das "Jedermann"-Unternehmen in Salzburg erfuhr wegen der Pandemie eine Kehrtwende: Ursprünglich war eine aufwendige Recherche in Brasilien geplant, eine Art Fitzcarraldo-Phantasie und kritische Aufarbeitung eines Großkünstlers, der durch sein Werk Unsterblichkeit anstrebt. Die Covid-19-Reisebeschränkungen setzten dem Vorhaben ein jähes Ende. Rau und seine Co-Autorin, Akteurin Ursina Lardi, entschieden sich für einen komplett neuen Ansatz: Der Monolog "Everywoman" handelt nun vom Leben und Sterben einer Frau. Wie gewohnt versucht Rau, sein Theater mit Realitätssplittern aufzuladen. Im Fall von "Everywoman" sind die Theatermacher in einem Hospiz Helga Bedau begegnet, eine schwer an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Frau, deren Alter man nicht erfährt, die sich aber bereit erklärte, bei dem Projekt mitzuwirken. Schauspielerin Lardi tritt mit Krebspatientin Bedau, deren Beitrag vorab auf Video aufgezeichnet wurde, in eine Art Dialog.

Momente von Bedaus Lebens werden nun auf der Bühne verhandelt, einige ihrer Ängste und Sorgen kommen zu Sprache, etwa, dass sie vor ihrem Ableben so gern noch einmal ihren erwachsenen Sohn sehen würde, der allerdings in Griechenland lebt und offenbar nicht so einfach kommen kann, oder etwa, dass sie nicht weiß, wo sie begraben werden will - in Lünen, ihrem Heimatdorf im Ruhrgebiet, das sie 1968 für Berlin verlassen hat, in Berlin, wo sie zeitlebens lebte, oder doch lieber in Griechenland, bei ihrem Sohn? Letzte Fragen, keine Antworten.

Helga Bedau erhielt ihre Diagnose im Februar dieses Jahres, die Lebenserwartung beträgt üblicherweise nur wenige Monate, "ich hoffe sehr, dass sie zur Premiere kommen kann", sagte Rau neulich in einem Interview. Rau und Ursini restaurieren in "Everywoman" keineswegs das "Jedermann"-Moralitätenspiel, aber die existenzielle Einsamkeit eines sterbenden Menschen, der seinen letzten Weg unbegleitet antreten muss, wird mit wenigen Sätzen doch erschreckend deutlich skizziert.

Freilich weist "Everywoman" weit über das individuelle Schicksal hinaus, der Monolog steigert sich zunehmend in eine furiose Weltanklage, die fiktive Figur Everywoman wird zu einer Art Gemeinwesen, die der Menschheit das Unrecht ins Gesicht schreit. Das Sterben eines realen Menschen wird mit einem möglicherweise drohenden Untergang der Menschheit verwoben: "Wir haben alles zerstört, wir haben alles kaputtgemacht, es ist aus", heißt es an einer Stelle des Textes, dann wird der Turbokapitalismus in Frage gestellt: "Wie hat es überhaupt jemals funktioniert? Warum haben wir das so lange mitgemacht?," und schließlich die Aufforderung zur Umkehr: "Die Zeit der Ablenkungen ist vorbei." Jenes "Jedermann"-Motiv, wonach der Reiche am Armen schuldig wird, gerät bei Rau zur Gesellschaftsdiagnose.

Zukunft als Dystopie

Zahlreiche Bearbeitung hat das "Jedermann"-Thema im Lauf der Jahrhunderte durchlaufen, jede Neuauflage beleuchtet stets das Unbehagen der jeweiligen Epoche - von der frühen buddhistischen Fabel aus dem 7. Jahrhundert, über die Hochblüte der Moralitäten-Spiele im pestverseuchten Mittelalter bis hin zu Hofmannsthals-Bearbeitung am Beginn des kriegslüsternen 20. Jahrhunderts und schließlich die "Jedermann"-Renaissance im 21. Jahrhundert, jüngst Ferdinand Schmalz’ vielfach nachgespieltes Drama "jedermann (stirbt)", nun Milo Raus "Everywoman". Beide Stücke verorten nicht nur das individuelle Sterben im Säkularen, sondern weisen auch einen eigentümlich apokalyptischen Grundtenor auf, eine Weltuntergangsmelodie, die bei Hofmannsthal noch gänzlich fehlte.

"Jedermann" ist als "Everywoman" nun endgültig im Anthropozän angekommen, im menschengemachten Zeitalter, inmitten einer Gesellschaft, die sich ihre Zukunft offenbar nur mehr als Dystopie vorstellen kann.