Am Beginn der Vorstellung von "Everywoman" läuten die Domglocken, allerdings hört man sie in der Szene Salzburg, einer Nebenspielstätte der Festspiele, nur als Tonbandaufnahme, nicht das Original wie beim "Jedermann" am Domplatz, am Ende der Neu-Interpretation jenes Stückes, das untrennbar mit den Salzburger Festspielen verbunden ist, spielt Ursina Lardi ein Stück von Bach auf dem Klavier.

Dazwischen liegt ein etwa 90-minütiger Monolog über die Ungeheuerlichkeit des Sterbens. Es ist ein Versuch, der existenziellen Einsamkeit, mit der ein Mensch seinen letzten Weg antritt, auf die Spur zu kommen. Kein einfaches Vorhaben, das leider auch nicht wirklich glückt.

Leben als Anklage

"Warum gibt es nichts Neues zu sagen über den Tod", heißt es an einer Stelle im Stück, das angestrengt beiläufig über letzte Fragen spricht und philosophische wie religiöse Denkanstöße bewusst ausspart. Die Bühne ist bis auf ein paar Umzugskartons, einem Klavier und zwei Felsblöcken leer geräumt, im Hintergrund die Videowand; Aktrice Lardi trägt die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, sieht mit Turnschuhen und Schlabberhose aus, als befände sie sich in Quarantäne. Absichtsvolles Understatement und krasser Kontrast zum "Jedermann", wo zumal die Kostüme der Buhlschaft regelmäßig für Schlagzeilen sorgen.

Im Zentrum des Mono-Dramas "Everywoman" steht nun die Begegnung der Schauspielerin mit einer schwer an Krebs erkrankten Frau namens Helga Bedau, die die Theatermacher in einem Berliner Hospiz kennenlernten. Momente aus dem Leben der 71-Jährigen werden auf der Bühne verhandelt, einige ihrer Ängste und Sorgen kommen zu Sprache, etwa, dass sie vor ihrem Ableben so gern noch einmal ihren erwachsenen Sohn sehen würde, der allerdings in Griechenland lebt und offenbar nicht so einfach kommen kann, oder etwa, dass sie nicht weiß, wo sie begraben werden will - in Lünen, ihrem Heimatdorf im Ruhrgebiet, das sie 1968 für Berlin verlassen hat, in Berlin, wo sie zeitlebens lebte, oder doch lieber in Griechenland, bei ihrem Sohn?

Die Zwiesprache wird als Videodialog inszeniert: Lardi stellt auf der Bühne Fragen, die Patientin antwortet mit vorab gefilmten Textpassagen. Inhaltlich gehören diese Szenen zu den bewegendsten Augenblicken des Theaterabends, in der Umsetzung wirken sie unbeholfen, gar etwas hölzern, Lardi kämpft hier sichtlich mit dem Timing. Dennoch sind diese szenisch etwas verrutschten Passagen das eigentliche Verdienst der Aufführung.

Milo Rau hat damit nämlich den "Jedermann" zurechtgerückt. Der Protagonist in Salzburgs Paradestück eignet sich mit seinem verschwenderischen Lebensstil kaum als Identifikationsfigur für jedermann, während es in "Everywoman" um eine pensionierte Lehrerin geht, die von WG-Partys, Rockmusik und nächtelangen Diskussionen erzählt. Helga Bedau wurde eine Lebenserwartung von nur wenigen Monaten zugesprochen, allen Statistiken zum Trotz erlebte sie jedoch die Premiere, verneigte sich beim Schlussapplaus und wurde vom Premierenpublikum bejubelt.

Für das Jubiläumsjahr gab Schauspiel-Intendantin Bettina Hering eine Neubearbeitung des "Jedermanns" in Auftrag. Milo Rau war eine kühne Wahl, schließlich hatte er an seiner Wirkungsstätte in Gent mit einer Neudeutung des "Genter Altars" (2018) für heftige Diskussionen gesorgt. Rau hat sich mit dem berühmten Altar der Brüder van Eyck aus dem 15. Jahrhundert auseinandergesetzt und rund um die Ikone der Stadt ein wüstes szenisches Spiel arrangiert. Der Aufruhr war vorprogrammiert. Verglichen damit ist "Everywoman" in Salzburg eine harmlose Miniatur.

Auch wenn Milo Rau, bekannt als Theaterstürmer mit politischer Mission, sich in "Everywoman" eine Gesellschaftsdiagnose nicht verkneifen kann. Unvermittelt kippt die Lebensgeschichte in Weltanklage. So umsichtig er im Umgang mit dem Leben und Sterben von Helga Bedau war, so platt und psalmenhaft beschwört er eine Revolte gegen das kapitalistische System herauf. Schauspielerin Lardi liefert zwar ein sprachliches Virtuosenstück ab, man gewinnt Einblicke in ihre beträchtlichen darstellerischen Fähigkeiten, doch die Sehnsucht nach einem radikalen Bruch gerät doch zu sehr zum Hochamt der Weltverbesserer. In Ewigkeit Amen.