Wer hat die Hosen an im Hause Jedermann? Hugo von Hofmannsthal täte uns den Lebemann als erstes im Dialog mit dem Koch vorführen. Das Menü für die Tischgesellschaft kann ja gar nicht erlesen genug sein.

Bei den Salzburger Festspielen nutzt Regisseur Michael Sturminger die Szene, um gleich mal die Buhlschaft einzuführen. Sie sitzt auf Jedermanns Schultern, das Kleid verdeckt dessen Gesicht – und sie ist es, die den Essensplan vorgibt. Er tritt (mit dem Text des Kochs) durchaus fürs Recycling der Überbleibsel vom Vortag ein.

Verena Altenberger als Buhlschaft. 
- © apa / Barbara Gindl

Verena Altenberger als Buhlschaft.

- © apa / Barbara Gindl

Es gibt viele Schrauben, an denen man drehen kann im "Jedermann". Entsprechend viel ist herumgedoktert worden in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Christian Stückl (ab 2002 für elf Saisonen) und – deutlich kürzerlebig – die auf Monty-Python-Humor setzenden Engländer Brian Mertes und Julian Crouch waren überaus fleißige Schraubendreher. Auch Michael Sturminger hat ab 2017 nicht gelinde eingegriffen in die Hofmannsthal’sche Dramaturgie.

Hedonistischer Pfundskerl

Nun aber hat Sturminger, und das ist mehr als bemerkenswert, eine Kehrtwende vollzogen. Mit komplett neuer oder durcheinandergewirbelter Besetzung ging er die Sache weitgehend neu an. Einige wenige Umstellungen und Text-Neuverteilungen zwar, aber im Prinzip haben wir jetzt eine Hofmannsthal-Urtextausgabe vor uns. Zur Premiere am Samstag leider nicht am angestammten Platz vor der mächtigen Domfassade – dort ist’s leicht, katholisch zu werden! –, sondern im Großen Festspielhaus.

Nicht unehrgeizig also, Hofmannsthals Text getreu durchzustelzen und trotzdem das Zeitlose darin herausarbeiten zu wollen. Das geht gut mit dem neuen Jedermann, mit Lars Eidinger. Dem nimmt man die Rolle als Ich-AG mit prall-gottlosem Hedonismus voll ab. Und weil er ja beileibe kein Prasser von der traurigen Gestalt ist, rennen Armer Nachbar und Schuldknecht schier hoffnungslos an gegen den Hünen. Auch später wird er die allegorischen Figuren, die sich seinem Weg ins Jenseits entgegenstellen oder sein Katholisch-Werden befördern, immer wieder locker hops nehmen, vom Mammon bis zu den hier als größere Gruppe auftretenden, wiewohl schmächtigen Guten Werken. Von denen stemmt er sogar zwei zugleich hoch.

Für diesen Pfundskerl braucht’s schon einen Glauben mit besonderem Charisma – Kathleen Morgeneyer. Die hält ihn auf Distanz. Und Edith Clever als Tod ist sowieso eine Größe für sich. Sie nimmt selbstbewusst neben Jedermann an jäh menschenleeren Tafel der Tischgesellschaft Platz, argumentiert gefährlich leise. Wenn sie an die Stirnseite dieser Tafel wechselt, sind die Machtverhältnisse ohnedies klar. In diesen Phasen, da Jedermann existenziell getroffen wird, ist Lars Eidinger nicht minder glaubhaft.

Schuldknecht und Mammon sind als Doppelrolle angelegt. Mirco Kreibich ist ein kleiner Wicht gegen Eidinger. Sturminger lässt die Schuldknecht-Szene als Boxkampf ablaufen, da wird das Fliegengewicht ordentlich hergezwiebelt. Das vermittel aber auch: Selbst ein Großformat-Jedermann muss seine Position erkämpfen und halten, und sei’s mit Boxhandschuhen. Die Mammon-Szene lässt dann eher an David gegen Goliath denken.

Sturmingers "Jedermann" ist ein Steinbruch mit ausreichend Ideen-Geröll. Das Fokussieren und Konzentrieren ist dieses Regisseurs Stärke auch diesmal nicht. Dass die Kostüme und die Musik für krass-postmoderne Verschnitte aus Barock und Gegenwart stehen, schafft Über-Zeitlichkeit, aber auch viel Durcheinander. Er sehe seine Arbeit als ein Work in progress, als eine "ewige Dombaustelle", wird Sturminger im Programmheft zitiert. Das ist legitim, gerade angesichts des Ikonischen, das dem Stück in Salzburg anhaftet.

Die Wechselbäder zwischen Turbulenz und Ernst fordern: Sturminger setzt nämlich oft auch zu Vollbremsungen an. Ganz ohne Besserwisserei redet Angela Winkler als Mutter dem Sohn ins Gewissen, und der lange Dialog Jedermanns mit dem Guten Gesell (Anton Spieker) wird zu einem Ruhepol der Aufführung. Oder ist das Wort Stillstand besser am Platz? Ein Problem am Ersatzspielort ist die Textverständlichkeit. Mag sein, dass diese mit Hilfe der Microports am Domplatz deutlich besser ist als im Großen Festspielhaus, wo man sehr genau hinhören muss, um auch Zwischentöne aufzuschnappen. Da machte die Premiere immerhin klar: Man nimmt den Text sehr ernst, erzeugt psychologisch durchdachte Stimmungsbilder. Da ist sogar viel Ernst drin, wenn Mavie Hörbiger als rothaarige Teufelin durch den Zuschauerraum gen Bühne wuselt.

Intim-Konflikt ohne Worte

Und endlich: die Buhlschaft. Der Rumor um diese Rolle gehört zur österreichischen Theater-Folklore. Verena Altenberger ist eine starke Buhlschaft, nicht nur, weil jetzt sie die Menüfolge vorgibt. Die Fronten zwischen ihr und Jedermann sind klar, es herrscht weibliche Selbstbestimmung. Dass das nichts wird mit dem gemeinsamen Weg ins Jenseits, macht sie ihm schon während der Tischgesellschafts-Szene klar (gute Idee, dieses Textstück vorzureihen). Und wenn es ernst wird: Eine lange, intensive choreografische Szene ohne Worte, starkes Körpertheater. Jedermann versucht’s mit Sex, sie entwindet sich – und geht wortlos.
Die Musik von Wolfgang Mitterer und die Choreografien von Dan Safer sind überhaupt wichtige Elemente, formal und inhaltlich. Der Jedermann ist ja auch vom mittelalterlichen Totentanz inspiriert. Dieser Aspekt kommt nicht zu kurz in einer Inszenierung, die weit davon entfernt ist, dramaturgisch abgerundet zu sein. Aber sie nimmt nicht nur das zeitlose Thema einer Lebensumkehr ernst, sondern auch die verknittelten Verse des Hugo von Hofmannsthal. Und die sind beileibe nicht so banal und querständig, wie ihnen oft nachgesagt wird.