Die Welt, davon waren Shakespeares Zeitgenossen fest überzeugt, ist eine Scheibe. Ebene Erde findet sich nun auch in Katrin Bracks Kulisse auf der Perner-Insel in Hallein: die Bühne als raumfüllende, leicht schräg gestellte Scheibe. Von der Bühnendecke hängen kugelförmige Lampen gleich Sonne, Mond und Sterne: ein Theaterhimmelszelt, welches das Geschehen mal in nachtschwarze Düsternis taucht, dann wieder nebelverhangenes Unbehagen verbreitet - interstellare Turbulenzen, die mit den irdischen Tumulten in Karin Henkels Inszenierung von "Richard the Kid & the King" gleichermaßen Schritt halten.

Die Weltgeschichte dürfte sich bereits im Elisabethanischen Zeitalter als ein ewig sich wiederholender Kreislauf dargestellt haben, Shakespeares Königsdramen zeigen das exemplarisch auf: Jede dieser Tragödien beginnt mit einem Kampf um den Thron und endet mit dem Tod des Königs, während der kommende Usurpator schon in den Startlöchern scharrt. Dazwischen sehr viel Mord und Totschlag.

Killen macht Spaß: Lina Beckmann als wild Richie. - © M. Rittershaus
Killen macht Spaß: Lina Beckmann als wild Richie. - © M. Rittershaus

Tote sind Restmüll

Diese Parabelhaftigkeit vermittelt Henkels Regie in "Richard the Kid & the King" von der ersten bis zur letzten Minute. Ein Gradmesser für die verrohte Gesellschaft, die hier porträtiert wird, ist etwa der nicht gerade zimperliche Umgang mit den Verstorben: abgeschnittene Knöpfe werden, in Plastiksäcke gestopft, wie Restmüll auf die Bühne geworfen; kein Toter ruht hier sanft. In "Richard the Kid & the King" verschränkt die 51-Jährige die Shakespeare-Königsdramen "Heinrich VI." und "Richard III." zu einem vierstündigen Höllenritt. Die Zusammenlegung ist sinnfällig; beide Dramen werden zur Tetralogie über die Rosenkriege gezählt: "Heinrich VI." behandelt die Vorgeschichte von Richards Aufstieg und Fall. Als Textvorlage für Henkels Bühnenfassung wird jedoch kaum Shakespeare im O-Ton herangezogen, vielmehr die freihändige Übersetzung "Eddy the King" von Tom Lanoye, Teil des zwölfstündigen Königsdramen-Marathons "Schlachten!" von Luk Perceval, der 1999 auf der Perner-Insel uraufgeführt wurde - und als Meilenstein gegenwärtiger Shakespeare-Rezeption gilt.

Henkel konzentriert sich in ihrer Fassung auf den charismatischen Bösewicht Richard; im Gegenzug dampft sie Nebenfiguren ein, streicht Nebenhandlungen; so mancher Shakespeare-Vers weicht platter Alltagssprache, wobei der Ruf: "Guck mal, Mama!" gefühlt etwas zu häufig fällt und verlässlich mit einer Bosheit der grandios-grässlichen Über-Mutter (Kate Strong in Bestform) pariert wird. Für Richard, als "Missgeburt, verwachsenes, wühlendes Schwein" verunglimpft, hat selbst die eigene Mutter nur Schimpf und Spott über. Henkels Inszenierung begnügt sich jedoch nicht mit psychologischen Deutungen - sie versucht vielmehr, das innere Chaos des Protagonisten auf die Bühne zu bringen.

Lina Beckmann ist fraglos der Trumpf dieser Aufführung. Sie verkörpert Richard III. mit mitreißendem Furor, wendet mühelos die gesamte Klaviatur an: vom charmanten Intriganten bis zum eiskalten Mörder. Tempo und Timbre sind stets stimmig. Einmal brüllt sich Beckmann die Seele aus dem Leib, mitunter elektroakustisch verstärkt, dann wieder ein Flüstern, sodass man im Zuschauerraum ein Stecknadelfallen zu hören vermeint, derart zieht sie ihr Publikum in Bann.

Verrückter Derwisch

Wo Beckmann agiert, ist der Teufel los. Sie bildet das Epizentrum dieser Inszenierung, nahezu die gesamte Spielzeit lang, fast vier Stunden. Der Fokus auf Beckmann als "Richie" ist Absicht, erweist sich im Verlauf des Abends jedoch auch als Schwachstelle. Beckmann hat - anders als bei Shakespeare vorgesehen - kaum starke Gegenspieler, was nicht am Ensemble liegt (das durchweg große Spielfreude zeigt), sondern am dramaturgischen Konzept, das ihren Kontrahenten leider wenig Spielraum lässt. Am ehesten vermag Kristof van Boven dagegen zu halten: Wie van Boven die von Richard gemeuchelte Königsfamilie im Alleingang darstellt, ist schlicht furios. Dagegen bleibt das restliche Figurenarsenal vergleichsweise blass, was zwangsweise zu Durchhängern führt. Bis Lina Beckmann die Sache wieder an sich reißt. Und wie ein verrückter Derwisch über die Bühne irrlichtert. Ein Hoch der Entgleisung!