"Gehört das zum Stück?", raunt eine Stimme. Nein, tut es nicht. Es ließe sich aber vermuten. Kaum eine Opernminute ist vergangen, da drängt eine dunkle Gestalt im Großen Festspielhaus in eine hintere Sitzreihe, nötigt etliche Menschen aufzustehen, kehrt mitten im Korridor um und zwingt die Leute erneut auf die Beine. Ein Kuddelmuddel, das irgendwie zum Treiben auf der Bühne passt: Auch dort kommt gerade einiges durcheinander. Bauarbeiter machen sich an einem gewaltigen Kirchenraum zu schaffen, schleppen Statuen, Altarbilder, Bänke fort, bis nur die nackten Wände zurückbleiben.

Ein kaltblütiger Heißsporn

Diese Räumung ist freilich eine symbolstarke Idee im neuen Salzburger "Don Giovanni": Die Amtskirche ist ausgezogen - und hinterlässt ein spirituelles Vakuum, in dem sich der Titelheld für die nächsten vier Stunden einrichtet und dem Götzen Hedonismus huldigt. Dabei wird er von oben kräftig beschenkt. Ein Auto, eine Kutsche, ein Klavier: Solche Gaben fallen dem Erotomanen vom Bühnenhimmel ins neue Eigenheim herab. Regisseur und Ausstatter Romeo Castellucci meint es gut mit dem lüsternen Heißsporn, jedenfalls anfangs. Er legt aber auch dessen kaltblütige Seite bloß. Wenn der Komtur herbeieilt, um die Ehre seiner Tochter Anna zu rächen (hier nicht mit Degen, sondern einem Krückstock) wird er vom Don erwürgt. Auch sonst ist dieser Libertin kein Menschenfreund, außerdem hochallergisch auf Verantwortung. Da bringt seine alte Flamme Elvira einen kleinen Buben zum Stelldichein mit, der mit ausgebreiteten Armen auf den Schwerenöter zugeht - schon nimmt der Reißaus, als wär’ der Teufel hinter ihm her. Es ist dies einer der wenigen lustigen Momente des Abends, gemeinsam mit den Auftritten des Don Ottavios: Dass dieser blasse Herr ein Möchtegern-Rächer ist, verraten nicht zuletzt die teilrasierten Pudel (!) an seiner Seite.

Währenddessen verwandelt sich die Szenerie allmählich in ein weißes Nichts - und wird zum Ausstellungsraum für die Bilderfantasie Castelluccis. Der lässt beim Giovanni-Flirt mit Zerlina einen mythischen Goldapfel glänzen, in Konfliktfällen Furien um den Schwerenöter wuseln und nutzt einen Kopierer, um die Leporello- in eine Xerox-Arie zu verwandeln. Nun ja: Dieser Abend ist reich gesegnet mit Bewegungsenergie und Bildern, die an die europäische Kunstgeschichte andocken - jedenfalls im ersten Teil.

Nach der Pause spießen sich die Ideen jedoch zunehmend mit der Handlung. Schön zwar, dass die Liste von Giovannis Eroberungen zu weiblichem Leben erweckt wird: 150 Salzburger Frauen, alt und jung, groß und klein, nehmen allmählich die Bühne ein. Worin ihre Mission besteht, bleibt aber unklar. Gut: Einmal bedrängen sie Don Giovanni, was dem wenig schmeckt - ist er doch kein Frauenfreund, sondern nur ein Lustjunkie. Ansonsten führen die Damen aber ein seltsames Dasein, irrlichtern als Handlungsfremdkörper im Gänsemarsch über die Bühne (Choreografie: Cindy Van Acker). Und es sind dann zuletzt weder sie, die das Ende des Sittenstrolchs herbeiführen, noch der Komtur. Der Lüstling besorgt das hier selbst. Mit der Stimme des unsichtbaren Rachegeists im Kopf entkleidet er sich, bestreicht den Körper mit weißer Farbe und verendet in der Lacke. Irgendwie abstrus. Irgendwie aber auch ein poetischer Tod auf dieser farblosen Bühne: Als würde sich Don Giovanni selbst aus dem Vordergrund fortpinseln.

Teodor Currentzis befehligt sein getreues Kollektiv, die musicAeterna, und hat die musikalischen Zügel fest in der Hand. Seine Neigung zum Extrem ist allerdings verblasst: Currentzis setzt auf leicht gedrosselte statt radikale Tempi, lauscht Kantilenen aus, stachelt das Holz zu penibler Artikulation an. Zwar pfeffert er Akzente hie und da mit rupfigem Originalklang, legt aber vor allem auf lyrische Entfaltung wert. Nervig allein, wenn das Hammerklavier der Partitur Mozart-fremde Mätzchen hinzufügt: Der Abend ist lange genug.

Durchschnittlich allerdings die vokale Leistung: Davide Luciano besitzt die Säuselklänge und die stierhafte Männlichkeit eines Don Giovanni, leidet aber an einer flackerhaften Tongebung. Vito Priante (Leporello), als Spiegelbild gekleidet, verfügt über eine kernige, doch nicht raumfüllende Stimme, während Mika Kares (Komtur) an einer limitierten Bassmacht laboriert. Und der Ottavio? Trotz seiner Fertigkeiten im Fach der Mezza voce offenbaren sich im Timbre von Michael Spyres leichte Unwuchten. Dafür erfreut das Duo David Steffens und Anna Lucia Richter als kräftiges Bauernpaar, Federica Lombardi als leidgeprüfte Donna Elvira (mit kleinen Unschärfen) und Nadezhda Pavlova als Donna Anna, die nach wackeligem Beginn zur Koloraturen-Hochform aufläuft. Letztendlich lauter Beifall - und leises Hoffen darauf, dass Castellucci seine Regie im Fall einer Wiederaufnahme nachschleift.