Im "Reigen", Arthur Schnitzlers großem Werk über Liebesverrat und Begehren, treffen Paare zum heimlichen Stelldichein aufeinander, unter der Augartenbrücke, im Prater oder Separee. Immer ist es dunkel, immer muss es schnell-schnell gehen; eigentlich ist man schon wieder fort, weil ja nicht sein darf, was nicht sein soll. 

In der "Reigen"-Neufassung, die nun im Rahmen der Salzburger Festspiele uraufgeführt wurde, begegnen einander die Protagonisten in einem hell erleuchteten Restaurant. Die Bühne der Szene Salzburg ist mit Tischen vollgeräumt. Bevor die acht Darsteller das gutbürgerliche Etablissement betreten, werden sie von einem livrierten Kellner mit Security-Scanner kontrolliert - die Kampfzone der Geschlechter als Hochsicherheitszone.

Sex ist langweilig

Bei Schnitzler offenbart sich in den gehetzten Bekenntnissen zwischen Gehen-Müssen-und-Bleiben-Wollen ungeheures Liebesleid; das Stück spiegelte die verlogene bürgerliche Sexualmoral. Dynamit im Fin de Siècle. Im Zeitalter hybrider Gender-Identitäten, polyamouröser Paarkonstellationen sowie Pornhub wirken die Tabubrüche von anno dazumal nur noch antiquiert.

Für Salzburg haben zehn Autorinnen und Autoren je einen "Reigen"-Dialog umgeschrieben. Inhaltlich wie sprachlich unterscheiden sich die Textbeiträge enorm. Regisseurin Yana Ross versucht erst gar nicht, die divergierenden Textbeiträge in ein verbindliches Inszenierungskonzept zu stopfen. Jede Szene steht für sich. Für jeden Auftritt wird ein eigener Tonfall, ein performativer Zugang gefunden. In der Interpretation von Brachialautorin Lydia Haider reißt etwa die Dirne den Soldaten mit einem "Heast, du hehre Pfeifsau" auf. Der derbe Spruch passt so gar nicht zur eleganten Aufmachung der Schauspielerin Sibylle Canonica. Urs Peter Halter grinst in seiner Ausgehuniform schäbig - schon sitzt er am Schoß der Schönen, hinweg mit der Hose mit Bügelfalten; eine Analpenetration mit Glock wird angedeutet, anschließend säubert der Soldat das Schießeisen gewissenhaft.

In der darauffolgenden Episode von Sofi Oksanen wird aus dem Soldaten ein Computer-Nerd, der mit seinen Hassbotschaften allem und jedem den Kampf erklärt, das Stubenmädchen tritt als Essenslieferantin in Erscheinung. Oksanen dreht und wendet Schnitzlers Vorlage so lange, bis kein Hauch von Erotik mehr überbleibt. Und der Sex? Ein ekelhafter Akt der Selbstbefriedigung, während der Nerd online eine Frau belästigt.

Die "Reigen"-Neudeutung erweist sich als Bankrotterklärung der Gegenwartserotik. Die Errungenschaften der sexuellen Revolution? Bestenfalls ein feuchter Traum.

Die lose Aneinanderreihung der Minidramen birgt einige Überraschungen, garantiert gewitzte wie dramatische Momente. In Sharon Dodua Otoos Beitrag trifft eine Hausfrau und Mutter auf eine Karrierefrau. Völlig unerwartet entfaltet sich ein freundlicher Dialog über weibliche Lebenswege. Während danach in Leif Randts Kapitel zwei Frauen einander nach althergebrachten Ritualen fertigmachen. Haltungen wechseln hier innerhalb eines Wimpernschlags.

Zu den Höhepunkten der Inszenierung zählt Leila Slimanis Beitrag zur MeToo-Debatte: Ein TV-Star vergeht sich an einem Kindermädchen. Vor Gericht wird verhandelt: Wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung? Ist auch ein unausgesprochenes Nein ein Nein?

Die Salzburger "Reigen"-Neudeutung liefert Streifzüge durch so manche Irrungen und Wirrungen der Sexualität im frühen 21. Jahrhundert. Vieles wird angesprochen, doch kaum eine Szene schafft halbwegs Tiefe. Ideen und Betrachtungen versanden inhaltlich; auch wenn die zweistündige Aufführung nicht langatmig gerät, lässt sie einen unberührt. Schade um Schnitzler neu.