Eine Walze steht raumgreifend in der Mitte der weitläufigen Bühne. Devid Striesow und Ursina Lardi liegen bäuchlings auf dem Ungetüm aus Stahl. Beide simulieren so gekonnt Schwimmbewegungen, sodass man in dem Utensil bald eine Welle zu erkennen meint, wobei die verwaiste Bühne der imaginäre Sandstrand wäre. Schließlich rutschen Lardi und Striesow lauthals lachend von der Walze herab, als wäre sie eine Schwimmbadrutsche. In der fantastischen Theaterwelt von Thorsten Lensing scheint immer alles möglich zu sein.

Der deutsche Regisseur brachte bei den Salzburger Festspielen im Mozarteum sein erstes eigenhändig verfasstes Stück zur Uraufführung: "Verrückt nach Trost". Als eine Art Sommerurlaub hebt die Aufführung an, leichtfüßig und gut gelaunt, obwohl es um Tod und Trauer geht, um die Angst vor dem Sterben, die zur Angst vor dem Leben wird. Sogenannte schwere Themen also. Bei Lensing finden diese am Beispiel ungewöhnlicher Begegnungen statt. Die dreieinhalbstündige Aufführung bietet Taucher im Tiefenrausch, einen sprechende Oktopus, empathische Pflegeroboter auf. Fantastisches Theater.

Leben lernen

Lensing gehört zu den großen Außenseitern des deutschen Theaterbetriebs. Der 53-Jährige arbeitet fernab des immer schneller produzierenden Stadttheaterbetriebs, lässt sich für seine Unternehmungen viel Zeit, setzt vor allem auf ausgesuchte Bühnenkräfte. Das Prinzip Langsamkeit zeitigt Erfolge: Lensings Produktionen werden von Kritik und Publikum bejubelt, "Unendlicher Spaß" wurde 2019 beispielsweise zum Berliner Theatertreffen geladen. Lensings Stärke liegt in der Teamarbeit mit den Schauspielern.

In Salzburg treten neben Striesow und Lardi auch André Jung und Sebastian Blomberg in Aktion. In "Verrückt nach Trost" gibt es keine Nebenrollen, die vier sind einander ebenbürtig, wobei es Lensing wie derzeit kaum ein anderer Regisseur versteht, schiere Spielfreude bei seinem Bühnenpersonal zu wecken. Er entfacht mit seinem Ensemble ein wild ausuferndes, zugleich präzis abgestimmtes Schauspiel.

Wie André Jung sich die Bewegungen eines Orang-Utans anzueignen, verblüffend echt einen Menschenaffen darzustellen weiß; wie geruhsam Sebastian Blomberg als Schildkröte über die Bühne kriecht - das ist in dieser Meisterschaft selten zu erleben. Die Tiere, heißt es etwas kryptisch im Programmheft, stünden dafür, dass "etwas in uns lebendig mit der Außenwelt verknüpft ist". Verrätselt gesagt, wunderbar gespielt: Die Auftritte des Bühnenpersonals als Tiere geraten entweder enigmatisch oder kippen ins Groteske - Ursina Lardi verrenkt oktopushaft ihre Arme und Beine, beklagt sich bitter über die kurze Lebensdauer des Meerestieres.

"Verrückt nach Trost" besteht aus drei Teilen. Anfangs geht es darum, dass der elfjährige Felix und die zehnjährige Charlotte den plötzlichen Tod der Eltern betrauern, indem die Waisen Mama und Papa spielen, im kindlichen Spiel versuchen, die Familie wieder auferstehen zu lassen. Die Art und Weise, wie Striesow und Lardi auf offener Bühne mittels Mimik und Gestik wieder zu Kindern werden, ist ein Erlebnis - so einfach wie ergreifend. Autor Lensing genügt das offenbar aber nicht, er setzt noch eins drauf, indem er die Szene um einen Traum und eine Episode aus einem Buch erweitert. Dadurch gerät das Unternehmen leider etwas prätentiös, verliert an Substanz.

Nach der Pause lernt man Felix und Charlotte im Alter von 30 Jahren kennen. Felix leidet seit dem Tod seiner Eltern unter körperlicher Fühllosigkeit und kämpft mit allen Mitteln gegen die Einsamkeit. Striesows Dialog mit André Jung, der seinen Geliebten darstellt, gehört zu den gelungensten Momenten der Aufführung - und weist zugleich auf die Grenzen der Textvorlage hin: Mitunter klingen die Zwiegespräche auf der Bühne mehr nach Aphorismen-Sammlung denn lebendiges Gespräch. Kostprobe: "Ich habe meine Gefühle immer versteckt und jetzt finde ich sie nicht mehr." In Teil drei schließlich feiert Charlotte ihren 88. Geburtstag. Jung verkörpert einen Pflegeroboter, der der Greisin jeden Wunsch von den Augen abliest.

Ein versöhnliches Ende für einen Theaterabend, der immer wieder auch einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt: Lehrstück in Schauspielkunst, angereichert von etlichen Leerminuten Text.