Es gibt diese Opernpremieren, die den Eindruck von Irrläufern machen - weil sie auf einer falschen Bühne gestrandet scheinen. Beispiel: Die Wiener Kammeroper in den Vorjahren. Die hat immer wieder versucht, Opernkaliber wie den "Don Carlos" auf ihre Mikrobühne zu hieven - und damit den Eindruck eines Fußballspiels in einer Telefonzelle erweckt.

Ein seltsamer Kontrast schien sich nun auch in Salzburg anzubahnen. Die Festspiele brachten am Sonntag "Katja Kabanova" (hier in der tschechischen Schreibweise "Kát’a Kabanová") zur Premiere, eine Oper also über enge, ja erdrückende tschechische Kleinstadtverhältnisse: Von ihrer Schwiegermutter schikaniert, vom schwachen Gatten vernachlässigt und letztlich auch noch vom Liebhaber sitzengelassen, stürzt sich die Protagonistin in die Wolga-Fluten. 1921 uraufgeführt, ist "Katja" eines der packendsten Frauendramen von Leoš Janáček - und wohl sein finsterstes.

Allerdings: Ob dieses klaustrophobe Stück in die Salzburger Felsenreitschule mit ihren gewaltigen Dimensionen (Bühnenbreite: 40 Meter) passt? Man durfte gespannt sein, ob sich in diesen Weiten eine beklemmende Atmosphäre erzeugen ließe.

Gehstock als Schlagstock

Tatsächlich bewältigt Regisseur Barrie Kosky dieser Aufgabe klug: Er bestückt einen Großteil der Bühnenfläche mit lebensgroßen, bekleideten Puppen. Die zeigen dem Publikum den Rücken und blicken in Richtung der Felsarkaden - eine besonders karge Perspektive an diesem Abend, denn die Lücken im Stein sind verschlossen worden, der Bühnenhintergrund ist damit zu einer undurchdringlichen Wand mutiert. Es wirkt, als würde dieser kolossale, öde, ja triste Stein die Menschenmasse vor ihm all ihrer Lebenskraft berauben.

Ganz anders die erwähnte Katja: Die läuft anfangs bald jauchzend, bald tödlich betrübt die Rampe entlang - ein Mensch mit übergroßen Gefühlskapazitäten, wie uns die Regie noch öfters zeigen will.

Auch die anderen Charaktere werden hier vor allem mit den Mitteln eines schwungvollen Körpertheaters ausgeleuchtet. Der Ehemann Tichon? Ein Schwächling, der vor Mama auf dem Boden kniet und gern einen realitätslindernden Schluck aus dem Flachmann nimmt. Bestimmend natürlich die Alte: Die verwendet ihren Geh- eher als Schlagstock, um vorzugsweise den Sohn zu traktieren; eine verhärmte Mutter, die sich am Lebensabend mit einer Riesenpackung Sadismus für ihre erlittenen Qualen revanchiert. Diese harte Hand bekommt selbst ihr Liebhaber Dikoj zu spüren - der das allerdings, in einer roten Unterhose auf allen vieren krabbelnd, zu genießen scheint.

Der Vorzug dieser Regie: Sie benötigt keine Folklore, um beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Bewegung, Licht und Gesang: Allein darauf beschränkt sich Kosky und gelangt damit zu ansehnlichen Ergebnissen. Stimmt zwar: Das Bild der Puppengruppe nützt sich allmählich ab, beginnt mit der Zeit unangenehm statisch zu wirken. Doch gegen Ende der 100 Spielminuten sorgt Kosky auch diesbezüglich für Dynamik, mischt Statisten unter die Puppen: Es sind gesichtslose Herdenmenschen, die Katja gemeinsam mit der bösartigen Kabanicha drangsalieren.

Musikalisch dominiert die Festspieldebütantin Corinne Winters den Abend: Umwerfend, wie viel Herzblut die US-Amerikanerin in ihren Gesang pumpt, ohne die Ausgewogenheit ihres Timbres zu gefährden. Dabei besitzt diese Katja nicht nur stimmlich Präsenz, sondern auch als springende, ringende, laufende und leidende Darstellerin. Evelyn Herlitzius, ganz Gift und Galle als Kabanicha, ist ihr eine ebenbürtige Gegnerin mit frostigen Blicken und stechenden Tönen; Jarmila Balážová betört als quirliges Fräuleinwunder Varvara. Eine Nuance schwächer die Herren: Am stärksten die druckvollen Balzgesänge von Benjamin Hulett (Kudrjáš), gefolgt von den ausdrucksstarken, doch mittelklangschönen Stimmen des Liebhabers (David Butt Philip) und des gehörten Gatten (Jaroslav Březina). Und die Wiener Philharmoniker? Bringen unter der Hand von Jakůb Hruša die ungestüme Dynamik und Vielgestaltigkeit dieser Musik, zwischen süffiger Schwärmerei und schroffer Tragik, zur Geltung und lassen der Partitur dabei allen Luxus des Wienerischen Schönklangs angedeihen. Schlussendlich einmütiger Applaus, am stärksten an die Adresse von Winters.