Alarmstufe Rot. Auf dem Bühnenboden, grellrot ausgeleuchtet, tollen Schauspielerinnen und Schauspieler in hautfarbener Unterwäsche umher. Sie rollen übereinander, verkrallen sich ineinander; eine knarzende Klangspur untermalt das Körpertraining. Nach wenigen Minuten ist der Bühnenzauberzinnober vorbei. Weiter geht’s im Text. Ein großer Stoff der Weltliteratur steht schließlich auf dem Spielplan der Halleiner Perner-Insel: "Iphigenia", frei nach Euripides und Goethe, in einer Fassung der Autorin Joanna Bednarczyk.

Auf den Text folgt bald wieder Tanz: Sobald Regisseurin Ewelina Marciniak nicht mehr weiter weiß, fängt das siebenköpfige Ensemble an zu tanzen; in der Choreografie Dominika Knapiks entfalten sich szenische Miniaturen, die entweder an enthemmte Partynächte oder schlichte Yogaübungen erinnern, mit dem Rest der Handlung jedoch völlig unverbunden erscheinen. Im Laufe der zweieinhalbstündigen Aufführung verstärkt sich der fatale Eindruck, dass mit viel Tamtam inhaltliche Leere übertüncht werden soll.

Dunkles Geheimnis

Neudichtungen klassischer Stoffe des Weltdramas zählen zu den elementaren Aufgaben des Gegenwartstheaters, wobei gerade die antiken Vorlagen besonders knifflig sind. Die Protagonisten sind bigger than life, ihr Heldentum und ihre Leidensfähigkeit passen so gar nicht in die gehetzte Unübersichtlichkeit des digitalen Zeitalters. Zudem verweisen die antiken Konfliktlinien vielfach auf Situationen einer längst untergegangenen Welt, die mit den gegenwärtigen politischen Ordnungen nur mehr am Rande zu tun haben.

Iphigenie wird der Legende nach von ihrem Vater Agamemnon geopfert, damit Wind aufkommen möge, die Flotte der Griechen will endlich in See stechen, um in den Krieg gegen Troja zu ziehen. Dabei ist der Mord an der eigenen Tochter im Atriden-Mythos nur ein Schrecken von vielen. Die Sippe ist bis in die fünfte Generation hinein von den Göttern verflucht, was zu einer unheilvollen Verkettung von Gewalt und Verbrechen führt. Wie will man diese Gemengelage ins Hier und Jetzt übersetzen?

Autorin Bednarczyk konzentriert sich in ihrer "Iphigenia"-Interpretation auf die verkorkste Vater-Tochter-Beziehung: Iphigenie (Rosa Thormeyer) tritt hier als Pianistin auf, mit 21 Jahren auf dem Sprung zur Weltkarriere; aus König Agamemnon wird ein erfolgreicher Universitätsprofessor (Sebastian Zimmler); Klytaimnestra wiederum ist eine stadtbekannte Schauspielerin, deren Exaltiertheit Christiane von Poelnitz mit Grandezza verkörpert. Aus Iphigenies Onkel Menelaos wird ein Top-Anwalt, den Stefan Stern etwas geckenhaft anlegt, dessen Gattin Helena Lisa-Maria Sommerfeld als grandios exaltierte Schnalle in High Heels und Designerklamotten porträtiert.

Die gutbürgerliche Familie und ihr dunkles Geheimnis: Onkel Menelaos missbraucht seine Nichte seit Jahren. Iphigenie zieht ihre Eltern ins Vertrauen, sie will den Onkel anklagen, den Missbrauch öffentlich machen. Doch die liebe Familie fürchtet den Skandal: "Mir ist schade um meine Karriere", sagt der Vater. Die Mutter ergänzt: "Du willst doch nicht schief angesehen werden." Im Schnellverfahren wird die Tochter zum Schweigen gebracht und in die Flucht geschlagen, glaubhaft ist das leider nicht. Mit Fortdauer verheddert sich der Bühnentext vollends in antiquierte Opferverherrlichung - die Originalzitate, die zudem eingestrickt werden, passen dramaturgisch überhaupt nicht in die Handlung, das Stück zerfranst.

Regisseurin Marciniak spart keineswegs mit Regieeinfällen, mit dramatischen Lichtstimmungen, Schattenspielen, einer knöcheltief unter Wasser gesetzten Bühne, auf der die Akteure bäuchlings ins Nass klatschen. Irgendwann lodert auch Feuer im Klavier. Am Ende helfen keine kunsthandwerklichen Bemühungen. "Iphigenia" wirft bestenfalls Schlaglichter auf ein Drama, in dem das Drama selbst verfehlt wird.