Eines kann man den Salzburger Festspielen nicht vorwerfen: Dass sie es sich und dem Publikum mit der ersten Opernpremiere dieses Sommers leicht gemacht hätten. Erst war da dieser Konflikt um eine Personalie im Vorfeld: Gegner von Teodor Currentzis hatten versucht, den Dirigenten mit Verweis auf dessen Russland-Verbindungen aus Salzburg zu jagen. Doch sie prallten an Intendant Markus Hinterhäuser ab. Der saß die Kampagne aus und wurde für seinen Mut schlussendlich belohnt. So hoch die Wellen in den virtuellen Diskussionsforen vorab gegangen waren: In der Festspielrealität kein einziges Buh für Currentzis, nur Beifall und Jubel.

Die Zustimmung für den ersten Opernabend war allerdings auch aus einem anderen Grund im Vorfeld unsicher gewesen - wegen des Programms. Die Salzburger Festspiele, so lautet ein altes Ressentiment, seien die Wohlfühlzone für Reich und Mächtig, ihre Opernabende Konfekte für die Elite. Davon konnte bei dieser Premiere nicht die Rede sein. "Herzog Blaubarts Burg", ein schauriger Einstünder Béla Bartóks mit Neigung zur düsteren Dissonanz, traf auf Carl Orffs einst in Salzburg uraufgeführte "De temporum fine comoedia", eine religiöse Weltuntergangsfantasie mit schroffen Chorgesängen.

Eigenwillig und opulent

Diese Apokalypse, das muss man aber leider auch sagen, hat ihre Längen, sie ist von kreativen Durststrecken durchzogen. Musste man diese Rarität also wirklich ausgraben? Und warum genau mit dem "Blaubart" verpartnern? Eine Antwort darauf blieb aus. Es drängte sich im Lauf des Abends aber eine anderweitige Vermutung auf: Dass hier aus einer Vielzahl eigenwilliger Setzungen ein eigenständiges Kunstwerk erwachsen sollte. Regisseur Romeo Castellucci, bereits im Vorjahr gemeinsam mit Currentzis für einen erratischen "Don Giovanni" verantwortlich, betätigte sich abermals mehr als bildender Künstler denn als Erzähler, bestückte die Felsenreitschule mit atmosphärischen Schauwerten. Schon schön, dieses Spiel mit sprudelndem Wasser (heuer auf Salzburgs Bühnen sehr beliebt!) und flackernden Flammen. Letztlich besaß dieser Abend aber mehr Aura als Stringenz.

Es hat dennoch gute Gründe, dass er mit tosendem Beifall endete. Zum einen das ausgezeichnete Dirigat von Currentzis. Zum andern und vor allem aber die Einzigartigkeit einer solchen Premiere in der Opernwelt. Wo erlebt man schon so eigensinniges Musiktheater, ausgestattet mit dem Mandat zur Übergröße?

Überhaupt muss man sagen: Alle drei Neuproduktionen des Sommers haben sich von den herkömmlichen Premieren eines Repertoirehauses mehr oder minder klar abgehoben, schöpften die Luxusbedingungen der Salzburger Festspiele sinnvoll aus.

Wer zeigt schon Puccinis "Il trittico" in seiner aufwendigen, vollständigen Dreifaltigkeit? Das Einakter-Trio ist heute selten gemeinsam in einem Opernhaus anzutreffen; am häufigsten wird noch "Gianni Schicchi" auf eine Bühne bugsiert und dort mit einem Puccini-fremden Stück verkuppelt. Christof Loy hat den Dreiteiler nun im Großen Festspielhaus inszeniert - vielleicht teilweise etwas zu artig und nah am Libretto, aber mit einer detailverliebten Personenführung, die dem Abend das gewisse, quirlig-subtile Etwas verlieh. Schön auch, hier Franz Welser-Möst - in Salzburg eher auf Richard Strauss abonniert - im italienischen Fach zu erleben; gemeinsam mit den hellwachen Wiener Philharmonikern erzielte er ein schillerndes Klangbild. Wermutstropfen nur: Dass sich Salzburgs Lieblingssopran Asmik Grigorian, an diesem Abend für gleich drei Rollen gebucht, auf den Furor der Schwester Angelika weit besser versteht als auf die Zentralarie "O mio babbino caro".

Erfreulich auch, dass die Festspiele einen hierzulande seltenen Operngast von Leoš Janáček empfangen haben, nämlich "Kát’a Kabanová". Regisseur Barrie Kosky gelang das Kunststück, dem Untergang dieser Außenseiterin in den Weiten der Felsenreitschule einen dennoch klaustrophoben Charakter zu verleihen; Corinne Winters brillierte in der Titelrolle mit einem fräuleinhaft getönten und doch feurigen Sopran.

Das Nachschleifen hat genützt

Außerdem: Lydia Steiers "Zauberflöte"-Regie, 2018 erstmals gezeigt, hat an Magie zugelegt. Die Inszenierung ist vom großen ins kleine Festspielhaus umgezogen, hat sich ihrer klobigen Zirkusrequisiten entledigt und erzählte das Mozartmärchen nun viel konziser, auch wenn der Abend mit Dirigentin Joana Mallwitz kein musikalisches Spitzenniveau erreichte.

Ein Wiedersehen gab es auch mit der "Aida" von 2017, denn die Foto- und Videokünstlerin Shirin Neshat bekam Gelegenheit, ihre allererste Opernregie nachzubessern. Hier ist es aber bei einem moderaten Upgrade geblieben: Die gebürtige Iranerin hat ihren Blick auf Verdis Klassiker zwar präzisiert, an der Steifheit der Personenführung hat sich aber wenig geändert; auch diese Wiederaufnahme blieb musikalisch mittelprächtig.

Apropos Wiederholung. Sollte man sich von Salzburg etwas wünschen dürfen, wäre dies - neben der Beibehaltung des Niveaus - etwas Frischblut. Nach einem Opernsommer fast ohne Dirigentendebüts und Regieneulingen würde den Festspielen 2023 wieder etwas mehr Innovationsfreude gut anstehen - ein Wagemut in Besetzungsfragen also, den das Festival in puncto Programmwahl durchaus besitzt.