Der Gedanke des Opfers zog sich von Beginn, ab der Ouverture spirituelle durch diese Festspiele. Judith bei Bartók ("Herzog Blaubarts Burg"), Kát’a Kabanová bei Janáček, Aida bei Verdi. Sie alle kann man noch toppen durch Lucia di Lammermoor. Die soll persönlicher Besitz- und politischer Machtverhältnisse wegen durch Heirat verschachert werden, da wird nicht lange gefackelt in der Männerwelt. Lucia steht als Frau allein da, ohne Perspektive mit ihren Träumen und ihrem "Wahnsinn", für den das Wort Traumatisierung eher angebracht wäre.

Gaetano Donzettis "Lucia di Lammermoor" also konzertant am Donnerstag im Großen Salzburger Festspielhaus. So etwas kann man als ein Belcantofest aufziehen, als Sänger-Selbstzweck. Oder man nutzt (und das stünde Festspielen gut an) die Gelegenheit, das Werk, seine Inhalte auf den Prüfstand zu stellen. Dazu braucht’s dann nicht nur Sängerinnen und Sänger, sondern auch einen Dirigenten, der mehr liefert als kapellmeisterliche Gewandtheit.

Solche hat Daniele Rustioni, und er verknüpft sie mit sportiven Fähigkeiten: Pult-Hochsprung mit rhythmisch punktgenau beidbeiniger Landung heißt diese noch nicht olympische Disziplin. Die Performance hat dem Mozarteumorchester nicht wirklich weitergeholfen.

Ludovic Tézier als Enrico taugt allemal als viril auftrumpfender Frauenseelen-Töter, erst recht neben dem dunklen Bass von Roberto Tagliavini (Raimondo). Lucia in Gestalt von Lisette Oropesa blieb im ersten Akt nicht viel übrig, als das orchestrale Dauer-Forte mit Kraft und einer gewissen Schärfe zu parieren. Das müsste, dürfte nicht so sein. Lucia ist eigentlich eine, die wegen Aussichtslosigkeit alsbald in Melancholie sinkt. Im dritten Akt die "Wahnsinns-Arie", hier vorbildhaft mit Glasharmonika (Christa Schönfeldinger). Benjamin Bernheim als Edgardo: ein Tenor, der unangefochten von allen Widrigkeiten seinen Schmelz entfaltet und die Oper so zu ihrem stimmig-letalen Ende bringt.