Als vor genau fünf Jahren die Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim in Salzburg zu Festspielende Mahlers Siebente hören ließen, hatten die Heile-Welt-Lyriker zusammengefunden. Nun die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko. Da sieht die Sache mit dem "vorwiegend heiteren Charakter", den der Komponist diesem seinen Werk zusprach, schon anders aus. Das erklärt sich nicht nur aus der unterschiedlichen Physiognomie der beiden Orchester. Es ist nicht so lange her - 2016 war’s -, da haben auch die Berliner Philharmoniker am selben Ort und wiederum zur selben Zeit die Siebente hören lassen, damals unter Sir Simon Rattle. Er deutete die 80-minütige Symphonie mit ihren scheinbar romantisierenden "Nachtmusiken" als (selbst)ironische Standortbeschreibung Mahlers, der die Felle davonschwimmen spürte in einer Zeit, in der schon völlig klar war, dass die Musikgeschichte einen ganz anderen Verlauf, weg von der Tonalität nehmen würde.

Die sagenhafte orchestrale Kraft der Berliner war jetzt nicht minder prägend. Da zuckte man schon gelegentlich zusammen, schon am Beginn des ersten Satzes, wenn die Streicher die Bögen staubtrocken nah am Steg führen, jede punktierte Note scharf artikuliert wird und die Einwürfe der Bläser markig ins Fleisch schneiden. Petrenko macht Mahlers gefährdete Gegenwart deutlich, denn irgendwie wunder-hörndelt es ja doch an jeder Ecke hinein, mal bloß hübsch, dann wieder hartnäckig. Die erste der beiden "Nachtmusiken" scheint es Petrenko besonders angetan zu haben. Da dimmt er mehrmals das Licht, nimmt er den Instrumentationseffekten alle Vordergründigkeit. Deutlich werden in Petrenkos Lesart die Abstürze in ein orchestrales Sfumato, in unerwartete Moll-Trübheiten.

Buchstäbliche Schlagkraft

Bei Olivier Messiaen war unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein (über)lebensfroher Aufbruch angesagt, und der schlug sich mit Urkraft nieder in der "Turangalîla"-Symphonie. Diese war den Wiener Philharmonikern bei ihrem letzten Konzert-Doppel am vorigen Wochenende anvertraut. Zuerst Vorspiel und "Isoldes Liebestod" in philharmonischem Bestklang, dann ging’s mit jähem Krachen hinein in die Messiaen’sche Welt der elementaren Liebe - genau das meint das Sanskrit-Wort Turangalîla.

Esa-Pekka Salonen hat das scheinbar unendliche Wechselspiel aus elementaren Ausbrüchen und feierlichen Hymnen, aus schier unhaltbaren motorischen Schüben und jenen betörenden Tristan-Anklängen, wie sie gerade die Wiener Philharmoniker so bezwingend herausbringen, mit Übersicht und Schlagkraft im Wortsinn gebändigt. Aus dem pauschal Großen die kompositionstechnische Feinmechanik herauszuschälen, das ist dem Dirigenten wundersam gelungen. Yuja Wang spielte den solistisch herausfordernden Klavierpart oft spritzig, glasklar, aber auch mit reflexstarken leisen, klangweichen Reaktionen aufs Orchester.

Die zweite starke Frau: Cécile Lartigau an den Ondes Martenot, diesem eigenartigen Zwitter aus dem Magnetwellen-Zauberding Theremin und elektronischer Orgel aus den 1920er Jahren, das in der "Turangalîla"-Symphonie fast andauernd eingesetzt ist. Die pfeifenden Glissandi, die leichten Schleifer zu den Streichern, das starke Dagegenhalten gegen die Klangmassen: Auch da Ohrenreiz zur Genüge. Denkbar größter Jubel sowohl für die Berliner als auch Wiener Philharmoniker.