Historischer Phantomschmerz vier Stunden lang. Österreich hat 100 Jahre nach dem Beginn des Weltkriegs sein widerständigstes Nationaldrama endlich auf seine Staatsbühne gestemmt. Die Premiere bei den Salzburger Festspielen im Landestheater adelte der Herr Bundespräsident durch seine Anwesenheit. Ab September sind die "Letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus im Burgtheater zu sehen.

Armageddon in Kleinkunst: Christoph Krutzler, Sven Dolinski, Peter Mati und Laurence Rupp spannen in Karl Kraus "Die letzten Tage der Menschheit" einen Bogen bis zum Zweiten Weltkrieg. - © Georg Soulek
Armageddon in Kleinkunst: Christoph Krutzler, Sven Dolinski, Peter Mati und Laurence Rupp spannen in Karl Kraus "Die letzten Tage der Menschheit" einen Bogen bis zum Zweiten Weltkrieg. - © Georg Soulek

Weltgericht und Weltuntergang, schwarz-weiß wie Druckerschwärze auf Papier, in wechselndem Licht. Kalte Blitze und gelber Feuerwiderschein. Ein einziger Farbtupfer: der blaue Waffenrock in einer Vitrine - des Kaisers altes Kleid. Auf der sich fleißig drehenden Bühnenscheibe marschiert eine Musikkapelle auf. Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen Grau-in-Grau. Auswechselbare Figuren. Ein gutes Dutzend in fünfmal so vielen Rollen. Exklusiv haben der "Nörgler" - Dietmar König als Alter Ego von Karl Kraus - und der "Optimist" Gregor Bloéb, sein Stichwortbringer, ihre Unverwechselbarkeit. Sowie die Reporterin Schalek, als welche Dörte Lyssewski über die Fronten zieht wie ein Todesengel mit Märchentantenstimme - die personifizierte Phrase.

Kraftakt mit Konditionsproblemen

Die Koproduktion von Salzburg und Burgtheater begann als Staatskunstposse. Burg-Hausherr Matthias Hartmann wurde - ob zurecht, wird vor Gericht verhandelt - vor Beginn der Proben aus Wien vertrieben. Der Linzer Georg Schmiedleitner sprang ein. In nur vier Monaten vollbrachte er mit dem Dramaturgen Florian Hirsch, dem Bühnenbauer Volker Hintermeier, den Musikmachern Tommy Hojsa und Matthias Jakisic als Helfern und dem zusammengestoppelten Ensemble ein kleines Wunder. Nach der Pause bricht dieser Kraftakt ein. Ideenlichter schwirren durcheinander. Der Text des "Ungeborenen Sohnes" wird von einer Lärmwalze übertönt. Masken von Raben und Hyänen wie im Buch, doch nur als rätselhafte Staffage ohne Text. Armageddon in Kleinkunst.

Spricht nicht Karl Kraus selbst, oder er selbst als zürnender Gott, die finale Weltvernichtungsrede, sondern rühmt sich ein k. u. k. Hauptmann Prasch mit einem abgehackten Kopf im Plastiksackerl seiner Untaten - dann ist Georg Schmiedleitner im Schauerkabarett von Laienbühnen angekommen; und hat Gregor Bloéb im Alpendodltonfall alle intellektuelle Kunst verspielt, der er als "Optimist" fähig war.

Seit Leopold Lindtbergs noch schmaler Version von 1964 suchten kühne Regisseure zur Komplettheit und Totalität des allen Bühnenmaßen hohnlachenden Vorlesungsdramas vorzustoßen - Hans Krendlesberger im ORF-Radio, Hans Hollmann zweitägig in Basel, Hans Kresnik in einem U-Boot-Bunker bei Bremen mit echtem Panzer, Hans Gratzer im Südbahnhotel am Semmering. Ein Wettlauf auch mit der Zeit, denn berühmte deutsche Zungen in den Färbungen der Donaumonarchie starben weg. "Heiliger Qualtinger, schau owa!" bat ein Schreihals aus dem Publikum.

Qualtinger hätte mit Peter Matić (als sterbender Franz Joseph mit dem Endloscouplet "Mir bleibt doch nichts erspart" und als Kellner) und dem ungestümen Christoph Krutzler (Ganghofer, Greißler Chramosta) seine Freude. Da er selber am Lesepult sogar tschänderte, wäre ihm Elisabeth Orth lieb als Schulmeisterlein. Sie mischt dem Feldmarschall Conrad beim Fototermin süffisant weibliche Eitelkeit ins Bild. Jüdeln wie Qualtinger kann keiner im Ensemble. Bürgerliches Frauengekeife gelingt tonrein in Bassenaqualität.

Dietmar König zieht als sehr deutscher Nörgler alle Register von Mimik und Verrenkungskunst. Ein exzellenter Sprecher. Die forcierte Spielastik - der Nörgler rauft mit dem Optimisten und wechselt mit ihm kurz die Maske - bremst jedoch die schneidende Schärfe des Gott und der Welt grollenden Kommentators.

Satirischer Ernst gegen die bunte Typenrevue

Der "apokalyptische Humorist" (Hans Weigels Etikett für Kraus) braucht für ein Bühnenleben mehr als Tonfarbentreue. Satirischer Ernst ist als Schranke aufzubauen gegen das Lachen und Heulen, gegen die bunte Typenrevue. Das gelingt der Regie, wenn sie die Szenen an der Ringstraße statt als Corso als Stakkato-Chor auflöst. Oder gar von Stefanie Dvorak allein rappen lässt. Schmiedleitner bricht die Klischees von Endzeitstimmung und Tanz auf dem Vulkan mit Quältönen der allgegenwärtigen Musikanten.

Doch struktureller Militarismus, wie er die schon wackligen Reiche noch zusammenhielt, ist ohne Vielvölker-Uniformenfarben nicht über die Rampe zu bringen. Sie hätten dem Bilderbogen Halt geben können. Im Auftritt der Schauspielerin Ritter (Alexandra Henkel) passt alles zusammen: Naturkindehrlichkeit, Divagehaben, Existenzängste schließlich, mit denen sie von Presseerpressern kleingemacht wird. Kaiser Willem plärrt das erst 1935 geschriebene "Panzerlied". Ein richtiger Fingerzeig der Regie. Der Erste Weltkrieg hörte in Euro-
pa erst 1945 auf. Und noch wei-ter singen die Kameraden "Es braust unser Panzer im Sturmwind dahin".