Apropos sehen: Üppige Bilder gibt’s nicht. Eher karge Gefängniskost auf der Breitwandbühne des Großen Festspielhauses. Guths Lieblingsausstatter Christian Schmidt hat einen kalten Riesensalon gezimmert; im Zentrum ein erratischer Block, der an den Science-Fiction-Monolithen aus "2001: Odyssee im Weltraum" erinnert, freilich auch an einen Grabstein. Im Umfeld einer Parade einsamer Gestalten und ihrer schwarzer Schatten könnte man allerdings auch an ein Lied von Simon & Garfunkel denken: "I am a rock, I am an island." Interaktionen sind hier mehr als heikel. Wenn Leonore endlich ihren Florestan aufgespürt hat, flieht der vor ihr wie ein Krabbeltier; sie hält ihm eine Wasserflasche hin - und sich selbst die Nase zu. Mit der Wiedervereinigung wird es nichts: Zu traumatisiert ist der Häftling nach Folter und Verhör, scheint sich mehr nach der Grube zu sehnen als einer Frau, die er nicht mehr als die eigene erkennt. Zu den finalen Jubelhymnen (klangmächtig: die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor) bricht Florestan endgültig zusammen. Der Buhsturm für die Regie - kurz, aber kräftig - war ab da vorhersehbar.

Nötig war er freilich nicht, immerhin ist Guths Konzept im Kern schlüssig. Vorhaltungen lassen sich der Regie dennoch machen, sie sind jedoch eher handwerklicher Natur. Einerseits: Keine Dialoge sind auch keine Lösung. So feingliedrig die Personenregie (vor allem in den nun wortlosen Musikpausen) geraten ist, wirklich selbsterklärend ist sie nicht. Zudem wirkt das Bühnenbild - bei aller konzeptbedingten Kälte - beliebig. Und die Elektro-Sounds, die zwischen den Arien fallweise wispern, wabern und bratzeln, bleiben ein Fremdkörper in Beethovens Klangwelt.

Sportive Philharmoniker

Die ist dafür bei Franz Welser-Möst in besten Händen. Er lässt die Wiener Philharmoniker mit Elan, fast sportiv durch die Partitur sausen. Nuancen kommen dabei nicht unter die Räder: eine Pracht, wie sich etwa die Holzbläser in die Streicher-Akkorde mischen. Dass es nach der Dritten Leonoren-Ouvertüre minutenlangen Applaus setzt, ist nur verständlich: Allein dafür, wie Welser-Möst den letzten verminderten Septakkord metallisch bersten lässt, gebührt ihm ein Orden.

Nicht weniger Applaus für Kaufmann: Sein Florestan ist optisch wie akustisch von Leidensdruck geprägt, seine wuchtige Stimme ein Botschafter hoher, mitunter fast bedenklicher Anspannung. Adrianne Pieczonka (Leonore) meistert ihre Spitzennoten, tönt mitunter nur eine Spur zu dramatisch, Tomasz Konieczny trumpft als fulminant knurriger Pizarro auf. Achtbar die Kollegen: Hans-Peter König gibt einen soliden Rocco, Olga Bezsmertna (Marzelline) und Norbert Ernst (Jaquino) sind ein apartes Doch-Nicht-Paar, und Sebastian Holecek verkörpert den Fernando überzeugend. Insgesamt: keine Sternstunde, doch ein festspielwürdiger Abend.

oper

Fidelio

Von Ludwig van Beethoven

Salzburger Festspiele

Zu sehen am 13. August,

20.15 Uhr, auf ORF2