"Jedes Ding hat seine Zeit", singt die Marschallin im "Rosenkavalier". Der Opernhit von Richard Strauss darf freilich als Ausnahme von der Regel gelten. Die Komödie über ein Alt-Wien, das es so nie gab, wird selber nie alt, und sie demonstriert diese Unverwüstlichkeit regelmäßig bei den Salzburger Festspielen. Die dortige Wiederkehr hat nicht nur historisch Sinn (Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal zählten zu den Festspielgründern): Unter Salzburger Probenbedingungen lassen sich Tiefenschichten dieses Werks erobern, die dem Repertoirebetrieb meist verwehrt bleiben. Das hört man nun wieder, wenn Franz Welser-Möst die Oper gewissermaßen in HD-Auflösung dirigiert (siehe Kritik unten). Stimmt zwar, es gab diese Produktion hier schon 2014. Wer sich daran stört, der hat, mit Verlaub, aber ein Luxusproblem.

Unklare Vaterschaft

Wobei Opernfreunde da heuer besonders empfindlich waren. Intendant Alexander Pereira hat Wiederaufnahmen ja weitgehend abgedreht. Im Vorjahr verschwand dann aber auch der kantige Macher. Das lag nicht etwa daran, dass er sein Innovationsprinzip auf sich selbst ausgedehnt hätte. Pereira war, wie bei den Festspielen so Sitte, 2012 von einem politisch besetzten Kuratorium gewählt worden. Das hatte sich nicht zuletzt darum für ihn erwärmt, weil die Subventionen nachhaltig eingefroren waren und Pereira als Mozart unter den Sponsoring-Akquisiteuren galt. Genau diese Politiker bekamen dann aber kalte Füße, als der Wiener das Gleiche tat wie zuvor in Zürich, nämlich unter Zuziehung privaten Geldes so richtig klotzen. Schon 2012 entzündete sich ein zäher Zank um die Zahlen, und er endete erst mit der Bekanntgabe von Pereiras vorzeitigem Abzug an die Mailänder Scala. So ging er denn hin in Frieden. Letzte Blüte war der üppige, harmonische Festspieljahrgang 2014.

Über die Vaterschaft des heurigen Festivalprogramms, das nun in Bälde endet, war man sich dagegen nicht so sicher. War das noch ein Ausläufer der Ära Pereira? Wohl zum Teil. Wer Weltstars buchen will, muss bekanntlich früh damit anfangen. Wie viel vom heurigen Programm - dem ersten von zwei Übergangssommern - aber wirklich vom Exchef war, liegt im Trüben des Ungefährs; die aktuelle Leitung hat es nie kommuniziert.

Nicht nur das ist schwammig. Zwar führen Helga Rabl-Stadler, die langjährige Festspielpräsidentin, und Schauspieldirektor Sven-Eric Bechtolf den Betrieb übergangsmäßig; im Jahr 2017 übernimmt Markus Hinterhäuser. Offiziell ist beim weltweit wichtigsten Klassikfestival aber niemand Intendant - ein seltsamer Fall von Profilschwäche. Schuld daran ist freilich nicht das aktuelle Leitungsduo, das für seinen Einsatz vielmehr Dank verdient; schuld ist eine Politik der Halbheiten. Sie hat einen Scherbenhaufen angerichtet, für den es keinen Sekundenkleber gibt. Rabl-Stadler und Bechtolf versuchen hier also aufzuräumen, und sie müssen einiges aushalten dabei: Weil sie nach den fetten Pereira-Jahren erneut Wiederaufnahmen ansetzten, sprachen Spötter von einem Sparprogramm.

Für sich betrachtet, war das diesjährige Aufgebot mit seinen drei frischen und vier bekannten Produktionen aber durchaus gewaltig - und weitgehend gelungen. Vor allem: Es zeigte auch Mut. In Zeiten, da Hochkultur immer mehr Kommerzkreide schlucken muss, um sich öffentlich überhaupt blicken lassen zu dürfen, kann man es den Festspielen nicht hoch genug anrechnen, mit Wolfgang Rihms sperriger "Eroberung von Mexico" eröffnet und Regisseur Peter Konwitschny betraut zu haben, der dem Publikum mit einer geharnischten Gesellschaftsanalyse ins Gesicht fuhr. Auch der "Fidelio" hat gewagt: Claus Guth, nicht ganz auf der Höhe seiner Kreativkräfte, hat die Oper ohne Dialoge, dafür mit feiner Personenregie einem düsteren Ende zugeführt, Welser-Möst die Musik unter Strom gesetzt.

Und der Abschluss des aktuellen Mozart/Da-Ponte-Zyklus? Nun ja, kein Glanzlicht. Im Rückblick auf die zwei Vorjahre aber immerhin genießbar. Der fleißige Regisseur Bechtolf (heuer auch mitverantwortlich für eine weichgespülte "Dreigroschenoper" im Schauspielprogramm) putzte den "Figaro" zum harmlosen Komödchen auf, Dirigent Dan Ettinger lieferte das dazu passende laue Lüftchen. Von Anfang an ist dieser Zyklus unter keinem guten Stern gestanden: Pereira hatte ihn ursprünglich mit Bechtolf/Welser-Möst besetzt, die die Trilogie schon in Zürich verantwortet hatten. Deutlich schlimmer wurde es freilich, als der Dirigent im Zorn schied und Pereira wenig später Ersatzmann Christoph Eschenbach aus dem Intendantenhut zauberte. Lähmende Mozart-Langeweile war die Folge.

Diven mit würdigen Kollegen

Nun, nennen wir das einen Betriebsunfall. Pereira hat andererseits ja Cecilia Bartoli als Leiterin für die Pfingstfestspiele gewonnen und somit auch für die Sommerfestspiele, wo man die Frühlings-Oper gern wiederholt. Nicht unwahrscheinlich, dass Pereira die heurige Pfingstproduktion ("Iphigénie en Tauride") im Sommer erneut gespielt hätte. Seine Nachfolger waren noch fleißiger und mengten der Gluck-Oper die "Norma" von 2013 bei - beides Produktionen, die übrigens auch ohne Bartoli als singendes Zentrum festspielwürdig wären. Die Wiederaufnahme des "Trovatore" (vom Sommer 2014) war dagegen weniger zwingend. Alvis Hermanis’ Kostümschinken bleibt vor allem speckig; musikalisch aber hat sich die Produktion gemausert: Anna Netrebko sang heuer nicht mehr allein auf dem Qualitätsposten.

Und 2016? Man blickt mit etwas gemischten Gefühlen auf ein letztes, dafür hochdosiertes Wiedersehen mit allen drei Da-Ponte-Produktionen Bechtolfs. Immerhin: Neben Ettinger und Eschenbach erhält auch der fähige Alain Altinoglu ein Dirigiermandat ("Così"). Zudem soll Welser-Möst Strauss’ "Liebe der Danae" leiten, und vielleicht setzt es einen Musicaltupfen: Bartoli schlüpft zu Pfingsten erstmals in die Rolle der "West Side Story"-Maria. Völlig unwägbar freilich, wann jene Oper an den Start geht, die Pereira vor Jahren bei György Kurtag in Auftrag gab. Man würde Salzburg dieses "Endspiel" für 2016 wünschen - und Pereira damit noch einen späten Intendantenerfolg, bevor mit Markus Hinterhäuser hoffentlich geordnete Verhältnisse Einzug halten.