Plácido Domingo, der alte Fuchs, weiß, wie er sich einschätzen kann und was er sich (noch) zutrauen darf. Die Rolle des Eremiten Athanaël in Massenets "Thaïs" gehört dazu, obwohl sie für den Sänger kaum eine Minute zum Durchschnaufen bereit hält. Immer steht Athanaël in der ersten Reihe, ist er damit beschäftigt, Thaïs, die Nobelkurtisane von Alexandrien, auf den rechten Weg zu bringen. Sie ist nur anfangs hochnäsig und kokett, in Wahrheit nagt in ihr der G’wissenswurm. Die Argumente des Eremiten sitzen.

Die "Méditation", das hochberühmte Intermezzo der Solovioline steht an dieser markanten Stelle im zweiten Akt: eine musikalisch wollüstige Läuterung auf der Hinterbühne ohne Beispiel. Thaïs landet also im Kloster und bald drauf im Himmel, Athanaël ist arm dran: Hat er sich doch glatt verliebt in die Schöne, was der Seele des Charismatikers in der Mönchskutte einen Akt lang enorm zusetzt.

Einfach eine Traumrolle für Plácido Domingo. Mit bewundernswerter Kondition bringt er seine Argumente vor, am Ende sogar mit staunenswerter Steigerung in Volumen und Lyrik. Immer eng am Wort und doch ohne Abstriche in der Kantilene ist er omnipräsenter Gegenpol zur beeindruckend farbenreichen Marina Rebeka in der Titelrolle. Einziger Schwachpunkt der konzertanten Aufführung unter Patrick Fournillier bei den Salzburger Festspielen: das Münchner Rundfunkorchester.

Oper konzertant

Thaïs

Von Jules Massenet

Patrick Fournillier (Dir.)

Mit Marina Rebeka und Plácido Domingo

Salzburger Festspiele