Tobias Moretti und Stefanie Reinsperger in "Jedermann". - © apa
Tobias Moretti und Stefanie Reinsperger in "Jedermann". - © apa

Salzburg. (austa) Im April nahm Regisseur Michael Sturminger kurzfristig die Herausforderung an, sich das Eröffnungs- und Herzstück der Salzburger Festspiele vorzunehmen. Die in "unfassbar kurzer Zeit", so Sturminger, gestaltetete zeitgenössische Inszenierung des "Jedermann" feiert heute, Freitag, am Salzburger Domplatz ihre Premiere.

Ursprünglich war das bisherige Regie-Team Brian Mertes und Julian Crouch mit der Überarbeitung ihrer vier Jahre alten Inszenierung beauftragt worden. Aufgrund einiger Umbesetzungen, unter anderem der zwei zentralen Rollen "Jedermann" und "Buhlschaft", wurde eine gewisse Flexibilität und Offenheit gefordert. Das Mertes-Crouch-Konzept sollte an die neuen Darsteller angepasst werden. "Das war natürlich auch meine Bedingung, um diese Rolle anzunehmen", sagte der neue "Jedermann" Tobias Moretti. Eine Einigung mit den Regisseuren war nicht möglich, und so stieß mit dem plötzlichen Auftrag für Sturminger ein weiteres frisches Gesicht zum "Jedermann"-Team hinzu. Mit Bettina Hering (57) als neuer Schauspielchefin, Tobias Moretti (58) als "Jedermann", Stefanie Reinsperger (29) als "Buhlschaft" und nun auch noch Michael Sturminger als Regisseur lässt sich schon fast von einer neuen Ära sprechen.

Das Publikum nicht schrecken

Im Zuge weiterer Umbesetzungen wird Christoph Franken, zuletzt der "Teufel", diesmal den "Mammon" spielen. Johannes Silberschneider, zuletzt der "arme Nachbar", wird den "Glauben" übernehmen. Neu dabei sind Mavie Hörbiger, die als "Werke" auftreten wird, sowie Edith Clever als "Jedermanns" Mutter. Der "Teufel" und "gute Gesell" wurden wieder in eine Doppelrolle gespannt, die Hanno Koffler bei seinem Salzburg-Debüt spielen wird. Peter Lohmeyer bleibt der "Tod".

"Wir haben das Glück und die Gelegenheit, das Werk zum ersten Mal zeitgenössisch zu zeigen", freut sich der 54-jährige Regisseur. Dabei soll behutsam vorgegangen werden, um das Publikum weder zu erschrecken noch zu schockieren. Für die Neuinszenierung hat der Schweizer Mathias Rüegg zeitgenössische Musik komponiert und arrangiert, die sich thematisch überwiegend auf das Lied "Tod und das Mädchen" von Franz Schubert bezieht. "Bisher hatte ich manchmal das Gefühl, das Stück hat etwas Statisches, dem versuche ich entgegenzuwirken", sagt Sturminger. Der Regisseur verrät im Vorfeld nicht viel über die Inszenierung, kündigt aber an, dass es "aufsehenerregende Szenen" geben wird.

Nicht profan modern

Schauspielchefin Hering hat keine Angst, dass die zeitgenössische Interpretation beim Publikum nicht ankommt. Sie nennt das Vorhaben einen zeitgemäßen, ästhetisch anspruchsvollen Versuch, die Fragen an den "Jedermann" aus dem Jetzt zu stellen, ohne Hofmannsthals Stück profan in die Moderne zu übertragen. Natürlich soll auch die Chemie zwischen "Jedermann" und der "Buhlschaft" eine Rolle spielen, wobei Moretti von einer "Erotik der Intimität zwischen den beiden" spricht. Die Figur der "Buhlschaft" verdiene mehr als die traditionelle und bürgerliche Vorstellung von Sinnlichkeit und Erotik.

Sturminger sagt, er versuche, seine Ideen so zu entwickeln, "dass sie wie gut gemachte Handschuhe auf die Hände der Schauspieler passen". Besonders Reinsperger und Moretti - zuvor übrigens schon zweifach angefragt für die berühmte Rolle und nun "Wunsch-Jedermann" von Hering - sollen die Möglichkeit haben, viel von ihrer Persönlichkeit einzubringen.

Druck ist riesengroß

"Der ‚Jedermann‘ muss gut sein. Der Druck ist riesengroß", sagt Helga Rabl-Stadler, die seit 22 Jahren Präsidentin der Salzburger Festspiele ist. Schauspielchefin Hering zeigt sich davon unbeeindruckt: "Ich bin Druck gewohnt. Dass es sich um ein Paradeschauspiel handelt, kann man nicht wegdiskutieren." Auch Regisseur Sturminger lässt sich nicht nervös machen, denn die "Ausgangsposition ist fantastisch", wie er sagt. Zur Eröffnung der Salzburger Festwochen 2017 feiert man nicht nur einen neuen Ansatz zur Inszenierung des "Jedermann", es ist auch die erste Saison des Intendanten Markus Hinterhäuser, der im Oktober 2016 die Leitung der Salzburger Festspiele übernommen hat. Für sein Debüt hat er ausschließlich Neuinszenierungen geplant, wofür das Budget um etwa eine Million Euro erhöht wurde. Gut, dass Tobias Morettis erster Domplatz-Sommer bereits komplett ausverkauft ist.