Technische Grenzen scheint sie nicht zu kennen. Ihr dunkler werdender Sopran ist in der Dramatik beeindruckend strahlend und solitär; in den lyrischen Passagen reduziert sie ihn zu berührenden, schillernden Pianissimi. Und auch im Wechsel zwischen der expressiven Durchschlagskraft und der poetischen Reduktion auf den Hauch eines Tones ist jede Nuance nicht nur vorhanden, sondern durchdrungen von tiefer Emotion und innigem Ausdruck. Begleitet wird dieser vokale Glanz von einer unglaublichen Bühnenpräsenz und einer Spielfreude, die selbst altbackene Opernposen mit eleganter Vitalität, ja mit Sinn erfüllen. Die Frage, die sich nach der Salzburger "Aida" stellt, ist nicht, ob Anna Netrebko diese Partie liegt. Sie ist vielmehr, warum sie sie bisher noch nicht gesungen hat.

Ideale Aida: Anna Netrebko.
Ideale Aida: Anna Netrebko.

Der Hype um die mit Spannung erwartete Salzburger Verdi-Produktion - vor der Premiere kursierten im Netz Karten von bis zu 6000 Euro - erwies sich am Sonntag als gerechtfertigt. Zumindest, was Anna Netrebko betrifft, die alles mitbringt, was die Partie der tragisch liebenden und sterbenden äthiopischen Prinzessin braucht. Netrebko erwies sich als Aida im Großen Festspielhaus als der funkelndste Stern in einer vokal herausragenden Besetzung. Francesco Meli als feindlicher ägyptischer Feldherr und Aidas Geliebter Radamès besteht nicht nur neben Netrebko - schon das alleine ist eine Leistung -, sein schlank geführter und fein dosierter Tenor ist strahlend und jugendlich. Einzig über Schmelz verfügt er nicht. Ekaterina Semenchuk als Aidas Gegenspielerin Amneris ist klar, kraftvoll und strahlend. Und auch die einander bekriegenden Könige, der starke Luca Salsi als Amonasro und Roberto Tagliavini als sein ägyptischer Gegenspieler sowie Dmitry Belosselskiy als sonorer Oberpriester Ramfis, standen den drei zentralen Figuren kaum nach.

Schön, aber statisch: Die Salzburger "Aida" in der Regie von Shirin Neshat enttäuscht durch szenischen Stillstand. - © Sbg. Festsp./Monika Rittershaus
Schön, aber statisch: Die Salzburger "Aida" in der Regie von Shirin Neshat enttäuscht durch szenischen Stillstand. - © Sbg. Festsp./Monika Rittershaus

Die Superlative sind für diese Produktion damit aber schon verbraucht. Die im Vorfeld viel beachtete erste Regiearbeit der iranischen Foto- und Filmkünstlerin Shirin Neshat erwies sich als ambitioniertes, letztlich aber nicht geglücktes Experiment. Was sie zeigt, ist eine hochästhetische, sehr reduzierte Folge an schön gestellten Bildern - das reicht noch nicht, um einen Opernabend zu füllen und zu tragen.

Streng symmetrischer Stillstand

Die Kostüme sind im Kontrast zur kargen weißen Bühnenbox edel und prächtig, die Farbsprache ist klar und schlüssig. Den Triumphmarsch hat Neshat vom kriegerischen Pomp befreit, es gibt weder Elefanten noch glänzende Rüstungen. Krieg sei nichts Schönes, hatte Neshat vor der Premiere argumentiert, das wolle sie zeigen. Dass sich daher im Augenblick des Sieges die Königstribüne dreht und an der Rückwand die gefangenen Flüchtlinge kauern, ist ein eindrucksvolles Bild, das diesen Gedanken stützt. Auch die Videoprojektionen von klagend blickenden (realen) Geflüchteten, mit denen sie Aidas erste große Arie überhöht, sind eindrucksvoll.

Doch jenseits dieser starken Momente dominiert auf der Bühne Bewegungslosigkeit. Die Tableaus sind streng symmetrisch gestellt und in edlem Stillstand erstarrt. Die Sänger treten zum Singen an die Rampe, Blick auf den Dirigenten und ins Publikum, keinesfalls jedoch auf die Bühnenpartner. Die Figuren sind kaum geführt, man sieht Opernposen, die man für ausgestorben gehalten hatte. Das stellt den Abend eher in die Nähe eines Oratoriums denn einer szenischen Opern-Neuproduktion.

In Ansätzen sieht man die Ideen der iranischen Künstlerin: Die Gewänder der Priester sind Zitate aus den Weltreligionen, das Ballett mit gehörnten Tierschädeln veranschaulicht die Gewalt des Krieges, statt sie zu verherrlichen. Die poetische und feinstoffliche Kraft der Foto- und Filmarbeiten von Shirin Neshat kann sich jedoch nicht entfalten. So wird man den Eindruck nicht los, dass Dirigent Riccardo Muti hier als der eigentliche Regisseur die Fäden gezogen hat. Man erkennt die Handschrift des glühenden Gegners des Regietheaters jedenfalls deutlich. Muti hat sich auch musikalisch ganz auf die Sänger konzentriert, den Klang der Wiener Philharmonikern rund um sie gebaut. Sein Verdi strotzt vor Vitalität, verliert trotz seiner Wucht die Balance nie aus den Augen. Die Partitur lässt er in aller Klangpracht erstrahlen, jedes Detail ist durchdacht. Dieser absolute Wille zur Gestaltung ist es aber auch, der seine Lesart zwar imposant macht, nie jedoch organisch oder gar berührend.

Eine Produktion, die sich wie ein Highlight des Festspielsommers gelesen hat, deren Solisten zu Recht umjubelt wurden und bei der mit Neshat eine große Künstlerin Buhs dafür kassierte, dass sie an der Übersetzung ihrer künstlerischen Sprache in ein neues Medium letztlich kapituliert hat.

Oper

Aida

Riccardo Muti (Dirigat)

Shirin Neshat (Regie)

Salzburger Festspiele

12. August, 20.15 Uhr ORF2