So unauffällig Markus Hinterhäuser für gewöhnlich durch die Salzburger Altstadt schleicht: Die Brust des Neo-Intendanten dürfte in den Vortagen geschwollen sein. Niemand geringerer als "The New Yorker", ein Prestigeblatt aus dem Big Apple, attestierte ihm eine Glanzleistung: In seinem ersten Leitungsjahr würde Hinterhäuser die "europäische Elite fordern", er beschere dem verkrusteten Festspielbetrieb ein "Wieder-Erwachen".

Nun muss man dieses Lob ein wenig relativieren: Es beruht nämlich nicht auf einer Betrachtung des gesamten Festspielsommers, wie dies der Erscheinungstermin des Artikels (Ende August) nahelegt. Das Lob basiert allein auf der ersten Opernpremiere, dem "Titus". Und der fand hierzulande keine ungeteilte Zustimmung: Zu plakativ habe US-Regisseur Peter Sellars das Werk in eine heutige Terrorzone überführt, zu hemdsärmelig sei Dirigent Teodor Currentzis mit seinen Eingriffen vorgegangen, zürnten Gegner. Befürworter lobten den Abend indes als Wunder an Intensität und Gegenwartssinn.

Vom Avantgarde-Kopf zur Sehnsuchtsfigur

Was Hinterhäuser jedenfalls mit seiner ersten Premiere gelungen ist, was der "New Yorker" ganz richtig sieht: An diesem Mozart-Abend ging es um einen Blick über den kulinarischen Tellerrand der Hochkultur hinaus, hier ging es, kurz gesagt, um Relevanz im Hier und Jetzt. Genau das hatte man vom neuen Chef erwartet.

Wir erinnern uns: Ab den 90ern war er an der Salzach immer wieder als gegenwartsfreudiger Programmmacher aktiv. Als Intendant Gerard Mortier damals die Zeichen auf Experiment stellte, leistete der studierte Pianist mit der Schiene "Zeitfluss" Beihilfe. 2007 bis 2011 firmierte er dann als Konzertchef des Festivals, im letzten dieser Jahre als Übergangsintendant. Bei seinem Abschied schien er verankerter in der Mozartstadt denn je: Hinterhäuser, so gab die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler damals nicht nur ihrer Hoffnung Ausdruck, würde doch eines Tages vielleicht wiederkommen . . ? 2013 war dies tatsächlich paktiert und Hinterhäuser für die Zeit ab 2017 als Intendant gebucht - zum allgemeinen Jubel.

Das Salzburger Publikum im Bann eines Mannes der - Moderne? Tatsächlich. Wobei man anmerken muss: Ein Stahlhelm-Avantgardist war Hinterhäuser nie. Und: Er weiß um eine gewisse Bringschuld gegenüber Publikumsinteressen. Auf dem Salzburger Chefsessel brauche es auch eine "kluge Form des Pragmatismus", sagte er heuer im Interview mit der "Zeit". Seine Handschrift müsse erkennbar bleiben, aber: "Es sind die Salzburger Festspiele, nicht meine persönlichen." All diese Qualitäten - nicht zu vergessen die sanfte Verbindlichkeit, mit der Hinterhäuser im Gespräch Wertschätzung signalisiert - speisen die Popularität dieses Klangkurators.

Nun haben hohe Sympathiewerte auch eine Kehrseite - nämlich die Erwartungen, die damit einhergehen. Und sie haben sich bis zu Hinterhäusers Dienstantritt gewaltig aufgestaut. 2013 wurde er designiert, wie gesagt - das liegt vier Jahre zurück.

Tatsächlich ist es Hinterhäuser aber nun gelungen, eine Sehnsucht nach Substanz zu bedienen. Thematisch düster mit dem Motto "Strategien der Macht" übertitelt, setzte der aktuelle Jahrgang mehrere Opern-Glanzlichter. Zwar hob nicht jede Premiere qualitätvoll ab: Der Netrebko-Blockbuster "Aida" geriet allein dank der russischen Jahrhundertsängerin zum Triumph. An der Regiefront ist Hinterhäuser hier gescheitert - aber recht ehrenvoll. Das Engagement einer feministisch interessierten Foto- und Filmkünstlerin aus dem Iran hätte durchaus eine Ausnahme-"Aida" hervorbringen können. Das handwerkliche Unvermögen von Shirin Neshat zeitigte jedoch eine szenische Totgeburt.

Eine spektakuläre Personalie dafür: Mariss Jansons, erstmals für eine Salzburger Opernpremiere gebucht. Im Verbund mit der geradlinigen Regie von Andreas Kriegenburg konnte der Dirigent seine Schostakowitsch-Kompetenz bei "Lady Macbeth" markerschütternd ins Treffen führen. Nicht weniger mark- und beingängig geriet der "Wozzeck" in der Regie von William Kentridge. Zwar ist auch er in erster Linie bildender Künstler, in Opernhäusern aber bereits erprobt. Unter der prägnanten Mitwirkung der Wiener Philharmoniker verwandelte er die Bühne im Haus für Mozart in eine Leinwand düsterer Kriegsprojektionen.

Ein Festspiel-Coup zum Abschluss

Am Ende des Premierenreigens aber wohl das größte Rufzeichen: Aribert Reimanns zeitgenössischer Bühnenalbtraum "Lear" erfuhr in der Felsenreitschule nicht nur eine vokal mustergültige Umsetzung. Was hier Raum griff, ließ den Alltag eines Repertoirehauses weit hinter sich: Dank raffinierter Orchesteraufstellung und Bühnenkonstruktion sowie Simon Stones zwischen Wucht und Wahn wankender Regie nahm ein Abend Gestalt an, der nur unter Salzburger Luxusbedingungen möglich ist. Man kann darauf hoffen, dass weitere folgen. Denn in ihnen liegt der eigentliche Festspielzweck.