Herbert Blomstedt in Salzburg. - © Salzburger Festspiele/Marco Borrelli
Herbert Blomstedt in Salzburg. - © Salzburger Festspiele/Marco Borrelli

Aus dem finnischen Halbdunkel beobachtete Jan Sibelius Anfang des 20. Jahrhunderts den Gang der neuen musikalischen Dinge - aber das war nicht seins. Also schrieb er die "Vierte", aufs erste Hinhören 40 Minuten Melancholie pur. Herbert Blomstedt hat den Wiener Philharmonikern in Salzburg dieses Werk vorgelegt, das sie zuvor noch nie gespielt hatten. Blomstedt darf das, denn zum mittlerweile 91-Jährigen hat das Orchester höchstes Vertrauen gefasst. Auch am vergangenen Wochenende im Großen Festspielhaus waren die Neugier, die Aufmerksamkeit und der Respekt für Blomstedts zielgerichtete, unaufdringliche Sachlichkeit förmlich zu greifen.

Mit solch rar gewordener Lauterkeit also hinein in die Trantüten-Symphonie. Die SchwarzGrau-Grundierung ist nur die eine Sibelius-Wahrheit. Die andere: Dieses Werk kann man genau so auf seine Zeit bezogen lesen wie eine Mahler-Symphonie (die "Vierte" wurde uraufgeführt in dessen Todesjahr). Sibelius arbeitet mit zurückhaltenderen Mitteln, und diese zeichnet Blomstedt unaufgeregt, aber mit Bestimmtheit nach. Den Bratschen kommt da immer wieder eine besondere Rolle zu, und ein besonderer Satz ist der zweite, eine Art Scherzo, in dem Tanzmusik anklingt und abstirbt. Wie viel Charme und zugleich Trostlosigkeit in der kurzen Walzer-Episode, in der die Flöten quasi mundtot gemacht werden!

Bruckners Achte Symphonie hat Blomstedt bei seinem sträflich späten Salzburg-Debüt mit den Wiener Philharmonikern 2014 hören lassen, die Siebente im Vorjahr. Diesmal die Vierte, und wieder eine Bruckner-Exegese der ganz besonderen Art. "Wenn ich merke, dass das Orchester dankbar für meine Anwesenheit ist, beflügelt mich das sehr", sagte Herbert Blomstedt voriges Jahr in einem Interview zu seinem Neunziger. Er verließ das Philharmoniker-Pult merklich beflügelt.