Die Stadt Wuhan und die Provinz Hubei waren Ausgangspunkt und das erste Epizentrum der Corona-Epidemie. In Hubei fanden daher auch die ersten Studien und Untersuchungen statt, wie das Virus die körperliche Gesundheit angreift. Eine weitere, wenn auch viel zaghaftere Debatte ist die über die Auswirkungen von Corona auf die Psyche, zu der auch bereits die ersten Untersuchungen im Gange sind. Einblick darin hat Jonas Tesarz vom Universitätsklinikum Heidelberg, der dem Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerk für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie angehört. Die "Wiener Zeitung" führte mit ihm ein Gespräch über die psychischen Auswirkungen des wochenlangen äußerst strikten Lockdown in Hubei und das Ansehen der Psychologie in China.

"Wiener Zeitung": Inwieweit sind psychische Erkrankungen in der Stadt Wuhan und der Provinz Hubei laut Ihren Forschungen und den Ihrer Kollegen vom Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerk für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) während des Lockdowns angestiegen?

Jonas Tesarz ist Oberarzt an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg. Zudem gehört er dem Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerk für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) an und ist einer der Herausgeber der Buchreihe Komplexe Krisen und Störungen bei Klett-Cotta. Universitätsklinikum Heidelberg - © FOTO Borchard
Jonas Tesarz ist Oberarzt an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg. Zudem gehört er dem Deutsch-Chinesischen Alumni-Netzwerk für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DCAPP) an und ist einer der Herausgeber der Buchreihe Komplexe Krisen und Störungen bei Klett-Cotta. Universitätsklinikum Heidelberg - © FOTO Borchard

Joans Tesarz: Unsere Kollegen in Wuhan berichten von einem deutlichen Anstieg psychischer Erkrankungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie. Dieser Anstieg ist sicherlich nicht allein auf den Lockdown, sondern auf die Pandemiesituation im Gesamten zurückzuführen. Genaue Zahlen hierzu stehen jedoch noch aus. Mein Kollege vom DCAPP, Doktor Li Wentian, hat im Rahmen eines Surveys Ende Jänner 2020 mittels einer Online-Plattform die Einwohner der Provinz Hubei über ihren psychischen Gesundheitszustand, ihr Wissen und ihren Informationsbedarf über das Coronavirus befragt. In nur vier Tagen kamen insgesamt über 5000 Fragebögen zurück. Die Auswertungen der Ergebnisse zeigte, dass es zu einer hochgradigen Belastung der Betroffenen durch die ausgelösten Ängste und damit einhergehenden seelischen und körperlichen Folgen kommt. Im Vordergrund stehen hier Gesundheitsängste, Schlafstörungen und psychische Begleitreaktionen.

Welche psychischen Belastungen bzw. Erkrankungen haben sich besonders stark gezeigt?

An erster Stelle stehen Ängste, psychischer Stress und Erschöpfung, Nervosität und Schreckhaftigkeit und die Zunahme von Schlafstörungen. Von unseren chinesischen Kollegen wissen wir, dass unter den Ausnahmebedingungen in der Provinz Hubei viele Menschen mit einer deutlichen Zunahme der Ängste reagieren, bis hin zur Entwicklung von Panikstörungen. Auch Schlafstörungen und hypochondrische Ängste treten deutlich häufiger auf. Die chinesischen Kollegen fürchten ferner eine steigende Anzahl von Patienten, welche unter bleibenden Symptomen einer posttraumatischen Belastungsreaktion leiden.

Inwieweit wird in China über psychische Erkrankungen gesprochen und inwieweit gilt das als Tabu?

Psychische Erkrankungen wurden in China über lange Zeit als Zeichen der Schwäche betrachtet, deshalb setzte sich die Gesellschaft kaum mit den Betroffenen auseinander, und die Betroffenen selbst verweigerten oder vernachlässigten häufig ihre Krankheiten. Häufig zeigten sich die psychischen Krankheiten als körperliche Krankheiten, da diese mehr Akzeptanz erfahren können. Tabu kann man es aber nicht nennen. Nur in der Zeit der Kulturrevolution wurden Menschen mit psychischen Krankheiten gegebenenfalls als "Menschen ohne Glauben an die Partei" bezeichnet. Durch den dynamischen gesellschaftlichen Wandel der letzten beiden Jahrzehnte ist es zu einem massiven Anstieg psychischer und psychosomatischer Störungen in China gekommen, weshalb die Wichtigkeit der psychischen Gesundheit mehr und mehr geschätzt wird. Die chinesische Regierung hat das zunehmende Problem der psychischen Krankheiten der Bevölkerung auch realisiert und will dagegen handeln.

China ist im Vergleich zum individualistischen Westen eine kollektivistischere Gesellschaft. Hat das Auswirkungen darauf, wie dort die Bürger so einer Krisensituation begegnen?

Dies lasst sich am besten anhand von Beispielen erläutern, die Hierarchie und Gruppendruck betreffen. Anders als in Deutschland gibt es in China keinen offenen Protest gegen die strikten Quarantäne-Maßnahmen der Regierung. Die Menschen gehorchen den Anordnungen der Regierung. Das individuelle Recht wird kleingeschrieben, besonders in so einer Krisensituation. Es gibt auch keine Widerrede gegen das Anbringen der App "Gesundheitscheck". Datenschutz und Privates erscheinen besonders in einer Krisensituation von untergeordneter Bedeutung.

Hat die Corona-Krise irgendwelche maßgeblichen Veränderungen gebracht, wie in der Volksrepublik jetzt mit psychischen Erkrankungen und Belastungen umgegangen wird?

Die Krise hat die Bedeutung von psychologischen Unterstützungsangeboten bekräftigt. Die chinesische Regierung scheint den psychologischen Diensten jetzt noch mehr Bedeutung beizumessen. Besonders nach Wuhan fließen gerade große Staatsmittel, um dort psychologische Versorgungsstruktur aufzubauen. Demnach soll medizinisches Fachpersonal profunde und wissenschaftlich basierte Kenntnisse und Fähigkeiten über psychische Gesundheit erwerben. Trainingskurse über Diagnose und Behandlung der häufigen psychischen Krankheiten wie Depression, Angst und jetzt zunehmend auch Trauma und posttraumatische Belastungsstörungen werden angeboten für klinisches Personal in Krankenhäusern, Psychologen sowie Sozialarbeiter. Es gibt auch Trainingskurse für die Ärzte und das Pflegepersonal, die unter enormen Stress während der Krise gearbeitet haben. Die Fachpersonal der psychologischen Dienste geht auch direkt zu Kommunen und in Wohnviertel, um dort bei der Bevölkerung Screenings zu machen, Interviews durchzuführen und psychischen Krankheiten zu behandeln.