Bulgarien dachte, es sei bereits über dem Berg. Zwei Monate dauerte der Ausnahmezustand. In Bulgarien ist der Lockdown mehr oder weniger zeitgleich wie in Österreich verkündet worden. Über Nacht waren alle Lokale, Bars, Cafés geschlossen; nur die Supermärkte waren offen, Masken obligatorisch.

Klingt bekannt? So ist es auch, viele Maßnahmen glichen jenen, die in Österreich verhängt worden sind. Die Lockerungen traten ebenfalls zu ähnlichen Zeitpunkten ein.

Doch trotz immer neuer Rekorde bei den Fallzahlen hat Bulgarien seit 15. Juni das Tragen einer Schutzmaske in geschlossenen gemeinschaftlichen Räumen für optional erklärt. Ausnahmen gelten für den öffentlichen Nahverkehr, in Apotheken und Kliniken. Zum Schutz gegen das Coronavirus müssten nur "die drei D: Disziplin, Desinfektion und Distanz" eingehalten werden, appellierte der bulgarische Regierungschef Bojko Borissow vor einer Woche.

Die Bulgaren beachteten die Empfehlungen kaum

Es nützte offenbar nichts. Mit Dienstag führte Bulgarien den Mund-Nasen-Schutz wieder ein - für alle geschlossenen gemeinschaftlichen Räumen. Denn die Bulgaren beachteten die verbliebenen Distanz- und Desinfektionsempfehlungen wenig bis gar nicht. Die vielen Feiertage taten ihr übriges.

Dabei hatte es so gut angefangen: Das ärmste EU-Mitglied konnte mit seinen knapp sieben Millionen Einwohnern dank frühzeitig eingeführter Corona-Schutzmaßnahmen die Fallzahlen bis Ende April unter 1500 halten. Doch nach den Lockerungen stiegen die Fälle rasant auf nun rund 3400.

Bulgarien hat auch einen Streifschuss der desaströsen Tennis-Adria-Tour abbekommen, bei der Hygienevorgaben und Abstandsregeln komplett außer Acht gelassen wurden. Während der Österreicher Dominic Thiem negativ getestet worden ist, testete der Bulgare Grigor Dimitrow als einer von vielen Teilnehmern danach positiv. Dimitrow nahm die Tour zum Anlass, sein Heimatland zu besuchen, ein Bad in der Menge zu nehmen und sich mit vielen Kindern fotografieren lassen. 19 Menschen wurden allein wegen Dimitrow in der Stadt Haskowo unter Quarantäne gestellt.

Auch Portugal musste feststellen, sich zu früh gefreut zu haben: Mit Dienstag wurden in der Hauptstadt Lissabon Versammlungen von mehr als zehn Personen wieder verboten. Cafés und Geschäfte müssen wieder um 20 Uhr schließen. In Portugal wurden zwischen dem 21. Mai und dem 21. Juni mehr als 9000 neue Coronavirus-Infektionen registriert, die meisten davon in Lissabon und angrenzenden Regionen.

Dabei sind so banale Ansteckungscluster entstanden wie eine Geburtstagsparty, die der Grund für rund hundert Neuinfektionen sein könnte. Auch aus Lissabon wurden zahlreiche Feiern vor allem junger Leute gemeldet. "Diejenigen, die glauben, wieder zum normalen Leben zurückkehren zu können, haben sich schwer getäuscht", befand Gesundheitsministerin Marta Temido.

Drosten fürchtet zweite Welle in Deutschland

Der deutsche Virologe Christian Drosten befürchtet nach Corona-Ausbrüchen unter anderem in Nordrhein-Westfalen eine unbemerkte Ausbreitung des Coronavirus in die Bevölkerung. Die Verbreitung über die Gegend hinaus zu verhindern, sei jetzt das Entscheidende, sagte der Charite-Wissenschafter am Dienstag gegenüber NDR.

Generell gebe es aktuell in mehreren Orten, darunter auch in Berlin, eindeutige Anzeichen, dass SARS-CoV-2 wieder komme. Schon jetzt ist aus Sicht des Virologen große Vorsicht geboten, dass sich keine zweite Welle entwickelt. Er verwies auf die Lage in den Südstaaten der USA, wo sich trotz hoher Umgebungstemperaturen eine "furchtbare Situation" entwickle. Dort sei zu früh gelockert worden.

"Ich bin nicht optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht", sagte Drosten. "In zwei Monaten, denke ich, werden wir ein Problem haben, wenn wir nicht jetzt wieder alle Alarmsensoren anschalten." Die Bevölkerung müsse einsehen, dass die Gesundheitsbehörden Unterstützung und Konsens bräuchten.

Tourismus als potenzielle Gefahr

Und wenn die Fälle nicht hausgemacht sind, so werden sie oft nun eingeschleppt. Slowenien erwägt etwa eine neuerliche Schließung der Grenze zum Nachbarland Kroatien, nachdem mehrere von dort importierte Corona-Fälle bestätigt worden waren. Sollte die Zahl weiter steigen, "wird eine Quarantäne für alle eingeführt, die aus Kroatien kommen", sagte Gesundheitsminister Tomaz Gantar am Montagabend dem TV-Sender POP TV. Für Einreisende aus Bosnien-Herzegowina, Serbien und dem Kosovo gilt in Slowenien bereits seit der Vorwoche eine 14-tägige Quarantänepflicht, da die neuen Infektionen überwiegend importiert wurden.

Corona-Abteilungen werden in Israel wieder geöffnet

In Israel öffnen unterdessen die Krankenhäuser wieder ihre Corona-Abteilungen, angesichts des deutlichen Anstiegs der Neuinfektionen. In einem am Samstag veröffentlichen Bericht des israelischen Armee-Geheimdienstes war eindringlich vor einer zweiten Corona-Welle gewarnt worden. Ohne rasche Eindämmungsmaßnahmen müsse das Land damit rechnen, dass die Zahl der Neuinfektionen binnen eines Monats auf mehr als 1000 am Tag steigen werde. Auch Israel hatte zu Beginn der Corona-Welle sehr schnell mit rigorosen Maßnahmen reagiert, die Pandemie verlief relativ glimpflich. Im Mai begannen schrittweise Lockerungen. Seit Ende Mai ist die Zahl der Neuinfektionen wieder stetig angestiegen.

In Südkorea war am Dienstag nun offiziell von einer "zweiten Welle" die Rede. "Wir glauben, dass die zweite Welle mit den Ferien im Mai begonnen hat", erklärte Jung Eun Kyeong, der Leiter des südkoreanischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention. Innerhalb von 24 Stunden habe es landesweit erneut 46 neue Fälle gegeben.

Wie es unterdessen in Österreich weitergeht, wird sich weisen. Die bisher bekannten Fallzahlen scheinen auf einem niedrigen Niveau zu verharren. Die Demonstrationen zu "Black Lives Matter" haben sich etwa nicht, wie befürchtet, als erkennbarer Cluster herauskristallisiert. Allerdings hat auch das schlechte Wetter in den vergangenen Wochen die Menschen eher dazu bewogen, in der freiwilligen Quasi-Isolation zu Hause zu bleiben. Abzuwarten bleibt, wie sich die Fallzahlen bei Sonnenschein und zum Beginn der Reisesaison entwickeln.(wak/afp/dpa)