Durch die einschneidenden Maßnahmen der Corona-Krise wie die Isolation der Menschen durch Ausgangsbeschränkungen ist die Anzahl der Neuinfektionen gesunken. Gleichzeitig sei allerdings ein anderes Phänomen gewachsen, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) Mittwochabend bei einer Online-Diskussion der "Wiener Zeitung": jenes der Einsamkeit. Vielen sei bewusst geworden, dass sie die anderen mehr brauchen, als gedacht. Um daraus etwas Positives ziehen zu können, aus der Krise lernen zu können, müsse man nun genau hier ansetzen, so Anschober. "Wir brauchen eine andere, neue Form der Solidarität."
Wie diese konkret aussehen könnte, diskutierte er gemeinsam mit der Wiener Psychiaterin und Neurologin Karin Gutiérrez-Lobos.

Dass kleine Kioske und das Stammbeisl am Stadtrand zunehmend verschwinden, hat die Menschen schon lange vor der Corona-Krise vor allem in den großen Städten vereinzelt. Beim Umbau der Städte gehe es daher darum, wieder mehr Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, sagte Anschober – etwa, indem man Urban Gardening intensiviert.

Das sei eine Frage der Stadtplanung, urbane Zentren zu restrukturieren und Begegnungszonen zu schaffen, für die es auch die Bürgerbeteiligung brauche. Gleichzeitig müsse man Arbeitsstelle und Wohnort wieder näher zusammenbringen: Denn auch das Pendeln, durch das man Stunden allein im Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln verbringt, fördert laut Anschober die Einsamkeit.

Es sei eine Frage der Stadtplanung, urbane Zentren zu restrukturieren und Begegnungszonen zu schaffen, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober. - © Pawel Gruszkiewicz
Es sei eine Frage der Stadtplanung, urbane Zentren zu restrukturieren und Begegnungszonen zu schaffen, sagte Gesundheitsminister Rudolf Anschober. - © Pawel Gruszkiewicz

Balance zwischen virtuellen und realen Kontakten wichtig

Doch selbst, wer umgeben von Menschen ist, könne unter Einsamkeit leiden, präzisierte Gutiérrez-Lobos – genauso, wie Alleinsein nicht zwingend bedeute, sich einsam zu fühlen. "Von Einsamkeit spricht man, wenn man das Gefühl hat, dass man nicht wertgeschätzt wird, dass man niemanden hat, dem man vertrauen kann. Das ist rein subjektiv." Dazu komme, dass sich Betroffene immer mehr zurückziehen, weil Einsamkeit stigmatisierend sei, so Gutiérrez-Lobos – bei der zunehmenden Digitalisierung, die von virtuellen Freunden geprägt und der Anzahl der "Likes" getrieben ist, mitunter ein Problem. Daher müsse man ihrer Ansicht nach im Bildungsbereich ansetzen und schon in der Volksschule lehren, wie wichtig die Balance zwischen virtuellen und realen Kontakten sei. "Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen Beziehungen, Umarmungen und reale Menschen."

Das passiere zwar bereits vielfach in Form der Medienbildung an den Schulen, sagte dazu Anschober, der Druck, einem im Internet propagierten Idealbild zu entsprechen, sei aber nach wie vor groß. Dabei sei nicht die Norm entscheidend, sondern, "dass man seinen Weg findet, Geborgenheit findet und Selbständigkeit".

Die Corona-Krise hat laut Anschober jedenfalls gezeigt, "dass wir eine Gesellschaft haben, die sich mit dem Thema Einsamkeit manchmal sehr schwer tut". Daraus müsse man lernen und Möglichkeiten finden, etwa in Form von Plattformen, um es zu enttabuisieren. "Es tut der Gesellschaft gut, wenn man die Menschen auf dieses Thema anspricht", so Anschober: Weil Betroffene dann sehen, dass sie mit ihrer Einsamkeit nicht allein sind.

Selbst, wer umgeben von Menschen ist, könne unter Einsamkeit leiden, sagte die Wiener Neurologin und Psychiaterin Karin Gutiérrez-Lobos. - © Pawel Gruszkiewicz
Selbst, wer umgeben von Menschen ist, könne unter Einsamkeit leiden, sagte die Wiener Neurologin und Psychiaterin Karin Gutiérrez-Lobos. - © Pawel Gruszkiewicz
Die Moderation der Veranstaltung im Grand Hotel Wien, die online überrtagen wurde, übernahm der Chefredakteur der "Wiener Zeitung" Walter Hämmerle. - © Pawel Gruszkiewicz
Die Moderation der Veranstaltung im Grand Hotel Wien, die online überrtagen wurde, übernahm der Chefredakteur der "Wiener Zeitung" Walter Hämmerle. - © Pawel Gruszkiewicz