Martin Sprenger hat ein Buch verfasst, genauer: ein Tagebuch der vergangenen Monate. Sprenger ist Public-Health-Experte, und das seit vielen Jahren, der Öffentlichkeit war er bis vor Monaten aber weitgehend unbekannt. Wie so vieles hat auch das Corona geändert. Im März war Sprenger im Fachbeirat des Gesundheitsministeriums, von diesem trat er im April zurück, dafür umso intensiver in die öffentliche Debatte ein. Obwohl er das, zumindest anfangs, gar nicht wollte. Aber es passierte trotzdem, manches ist unvermeidlich. Und dann war er auch schon Zeuge der Anklage der Regierungsarbeit. Das geht dann schnell.

Auch in seinem nun erscheinenden Buch "Das Corona-Rätsel" nimmt Sprenger diese Rolle ein, reibt sich an der eskalierenden Kommunikation von Bundeskanzler Sebastian Kurz. Aber nicht nur. Einerseits ist das Buch eine Sammlung seiner kritischen Beiträge und Interviews, aber es ist eben auch eine Art Tagebuch, beginnend mit Anfang Februar, als das Virus noch weit entfernt war. Oder besser: schien. In den Beschreibungen der ersten Wochen offenbart sich, mit welcher Wucht das Coronavirus über die Gesellschaft hereinbrach. Einen Tag nach dem ersten positiven Test in Österreich notiert Sprenger, dass er fest davon überzeugt sei, dass es der EU gelingen werde, die Epidemie einzudämmen. Er ergänzt: "Was für ein Irrtum!"

Das Corona-Rätsel
Das Corona-Rätsel

Bei derartigen Zäsuren gibt es zwei retrospektive Betrachtungsweisen. Man kann mit dem heutigen Wissen auf das Zurückliegende blicken, auf die Abzweigungen, die genommen, und die Entscheidungen, die getroffen wurden. Dieser Blick erlaubt eine bessere Sicht auf Fehleinschätzungen und Irrwege. Die andere Option ist, den Weg gedanklich noch einmal zu gehen, die (meist) in Eile getroffenen Entscheidungen mit dem damals vorhandenen Wissen abzugleichen und sie noch einmal zu prüfen. Dieser Blickwinkel wirft ein klareres Licht auf die Motive und Beweggründe hinter vergangenen Entscheidungen. Doch was wusste und dachte man wirklich zum Zeitpunkt X? Diese Form der Retrospektive ist schwieriger, umso wichtiger sind Anker wie Notizen und Protokolle.

Schon früh die Public-Health-Perspektive im Blick

Sprenger versucht in seinem Buch beides. Er konnte sich auf diverse Einträge einer Public-Health-Google-Gruppe beziehen, auf E-Mails und auf gesammelte Artikel. "So einen Medienkonsum habe ich schon lange nicht mehr gehabt", sagt er zur "Wiener Zeitung". Die Artikel hat Sprenger archiviert. Einige Forumeinträge sind auch in dem Buch abgedruckt, er zitiert für ihn wichtige Artikel und ergänzt sie mit Kommentaren aus der heutigen Perspektive. "Ich war überrascht, wie früh ich versucht habe, das Geschehen konsequent aus der Public-Health-Perspektive zu betrachten", sagt er. Schon am 5. März schreibt Sprenger: "Die psychologischen, sozialen und ökonomischen Folgen dieser Maßnahmen betreffen die Gesundheit aller Altersgruppen. Weltweit. Dieser Aspekt wurde bis dato kaum thematisiert." Er sollte immer wieder auf diese ganzheitliche Sicht verweisen.

Bei einer Klettertour in Slowenien erreicht ihn Anfang März die Einladung für den Fachbeirat. Sprenger nimmt an, und es folgt sein erstes Rendezvous mit der Politik, das für ihn zuerst spannend, schnell aber enervierend wird. Die Passagen über diese Wochen im März und Anfang April sind insofern auch lehrreich, weil sie zwei für Politik und Verwaltung wichtige Aspekte offenbaren.

Was die Politik aus dem Buch lernen kann

Sprenger schreibt enthusiastisch, wie sich in kurzer Zeit engagierte Wissenschafter verschiedener Disziplinen spontan vernetzten. Das passierte jedoch abseits jener wissenschaftlichen Institutionen, die traditionell eng an Politik und Verwaltung angedockt sind. Doch auch in diesen losen Netzwerken wird Wissen generiert, das für die Politik als Entscheidungsgrundlage wichtig sein kann. Wie kann die Verwaltung von diesem Engagement profitieren? Dass Sprenger (und einige andere Experten) in den Fachbeirat eingeladen wurden, beweist, dass es in der Corona-Krise mehr Durchlässigkeit gab als üblich. Aber vielleicht braucht es künftig weitere Ideen, wie das Engagement einer zunehmend frei arbeitenden Wissenschafts-Community eingebunden, vor allem aber auch dirigiert werden kann.

Ein zweiter Aspekt ist das Zusammenwirken von Politik und Wissenschaft. Das ist oft eine schwierige Kombination, und mitunter fehlt beiden Seiten das Verständnis füreinander. Gerade dann, wenn es "Neuland" ist, wie es Sprenger in seinem Fall formuliert. Nachweislich ist es bei ihm schiefgegangen. "Man kann daraus lernen, wie man mit Politik kommuniziert", sagt er heute. "Ich tue mir manchmal schwer." Umgekehrt hat die Politik in dieser Corona-Krise auch gesehen, wie wichtig die Expertise der Wissenschaft ist. Auf der anderen Seite muss es auch die Politik besser aushalten, dass die Wissenschaft andere Blickwinkel hat. Sie kann sich der reinen Lehre widmen, die Politik nicht. Der Konflikt zwischen Sprenger und Kurz wäre wohl vermeidbar gewesen.

Missverständlicher Diskurs der Wissenschafter

Eine Ambivalenz von Sprengers Buch besteht darin, dass er an mehreren Stellen vom lebhaften Austausch unter Kolleginnen und Kollegen, durchaus auch vom Widerspruch und dem Dissens schwärmt. All das ist der Wissenschaft inhärent, sie lebt und zehrt von dieser Auseinandersetzung. "Ich habe unterschätzt, was passiert, wenn der wissenschaftliche Diskurs an die Öffentlichkeit dringt." In Deutschland wurde daraus ein "Streit der Virologen", Politiker beschwerten sich über die "Uneinigkeit der Wissenschafter". Das ist aber ein Missverständnis, bei dem Medien auch eine Rolle spielen. Sprenger wurde so rasch zum "Kritiker". Dabei war vielleicht nur seine Perspektive eine andere.

Bei der Lektüre seines "Corona-Tagebuchs" erhält man den Eindruck, dass Sprenger aber auch selbst in die Polarisierungsfalle getappt ist. So zitiert Sprenger gegen Ende des Buchs lauter Artikel und Wortmeldungen, die seine Kritik stützen. "Das nennt sich Publikationsbias", sagt er. "Aber es ist eben ein subjektives Tagebuch." Und er ergänzt selbstreflektiv: "Ich gebe offen zu. Es ist Aktion und Reaktion. Ist man etwa umgeben von fanatischen Impfgegnern, wird man als Impfbefürworter selbst fanatisch", sagt er. Von Beginn der Krise an hat Sprenger einen konsequenten Public-Health-Ansatz verfolgt und die Nebenwirkungen der Maßnahmen betont. Vielleicht auch überbetont. Aber vielleicht auch nur, weil diese Aspekte zu wenig beachtet wurden.