Es ist wohl der bekannteste Fall der vergangenen Wochen, in denen ein Ausbruch an Covid-19-Fällen mit einer Klimaanlage in Verbindung gebracht wird: Mitte Juni wurden beim Fleischkonzern Tönnies im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen die ersten Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus Sars-Cov-2 getestet - mittlerweile spricht man von mehr als 2000 Fällen. In der Vorwoche veröffentlichten Forscher des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie eine Studie: Deren Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Betriebs, "also die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch die Klimaanlage in der Halle, zusammen mit anstrengender körperlicher Arbeit, die Aerosolübertragung von Sars-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten".

Es handelte sich also offenbar um eine Klimaanlage, die mit Umluft arbeitet statt mit Zuluft - und bei einer Umluft-Anlage besteht laut Hans-Peter Hutter von der Abteilung für Umwelthygiene und -medizin an der MedUni Wien tatsächlich "ein theoretisches Risiko" der Coronaviren-Übertragung. Denn diese saugt die Raumluft an und bläst sie temperiert und gefiltert wieder aus, wälzt sie also nur um.

Feine Filter meist nur
in Krankenhäusern

Coronaviren vermehren sich zwar im Gegensatz zu Bakterien oder Pilzen nicht selbständig im feucht-dunklen Milieu der Klimaanlage, weil sie einen Wirt brauchen, können aber vertragen werden. Im schlechtesten Fall von einem Raum zum nächsten. Sie werden durch Tröpfcheninfektion, selten durch Schmierinfektion, übertragen und können laut Hutter ohne Wirt je nach Oberfläche bis zu 72 Stunden lang aktiv bleiben.

Tönnies habe zwar nach den Covid-19-Fällen neue Filteranlagen installiert, hieß es vonseiten des Konzerns - das Virus sei aber zu winzig, um von den gängigen Filtern abgehalten zu werden, meint dazu Hutter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Bis zu einem gewissen Grad bleibe es zwar zum Beispiel an Staubpartikeln hängen und in der Anlage haften, ausreichend feine Filter würden aber zumeist nur in Krankenhäusern verwendet. Allein die ebenfalls oft eingesetzte UV-Bestrahlung in den Anlagen hemme das Virus in seiner Aktivität.

Allerdings - und das relativiert die Gefahr eines höheren Infektionsrisikos durch Klima- oder raumlufttechnische Anlagen massiv - werden die meisten Anlagen in Büros oder öffentlichen Gebäuden mit Zuluft gespeist oder mit einer Mischung aus Zu- und Umluft. Bei den Mischformen wird ein Teil der Abluft, zum Beispiel 30 Prozent, wieder in den Raum rückgeführt, um die Energiekosten der Kühlung oder Erwärmung geringer zu halten. Reine Zuluftanlagen versorgen die Räume mit gefilterter, gekühlter oder gewärmter Außenluft und entlassen die Innenluft nach draußen. Diese sind laut Hutter unbedenklich. Ist eine Mischform installiert, empfiehlt der Österreichische Fachverband für Raumlufttechnik (ÖFR), den Umluftanteil aktuell auf Null zu reduzieren.

Arbeitsrechtlicher Anspruch
auf frische, saubere Luft

Die Luftfeuchtigkeit im Raum, die oft mithilfe der Klimaanlage erhöht wird, könnte laut Hutter ebenfalls problematisch werden. Für die Büromitarbeiter behaglich sind laut ÖFR zwar zwischen 40 und 65 Prozent, bei Coronaviren geht man laut Hutter allerdings davon aus, dass eine höhere Luftfeuchtigkeit deren Aktivität begünstigt. "Dazu gibt es schon relativ gute Untersuchungen."

Aus arbeitsrechtlicher Sicht hat man jedenfalls Anspruch auf "ausreichend frische, von Verunreinigungen freie Luft", sagt der Arbeitsrechtsexperte Rainer Kraft, Geschäftsführer des "Vorlagenportals für Arbeitsrecht und Personalverrechnung". Der Arbeitgeber müsse für eine natürliche oder mechanische Belüftung sorgen.

Diese Formen der Belüftung sind konkret im § 26 und im § 27 der Arbeitsstättenverordnung geregelt, die auf der Grundlage des Arbeitnehmerschutzgesetzes beruht. In § 27 ist zum Beispiel zu lesen: "Arbeitsräume sind mechanisch zu be- und entlüften, wenn die natürliche Lüftung nicht ausreicht, insbesondere wenn (. . .) eine ausreichend gute Luftqualität nicht gewährleistet werden kann (zB bei erschwerenden Bedingungen wie (. . .) Belastung der Raumluft durch gefährliche Stoffe)." Ein Recht auf eine Klimaanlage gibt es laut Kraft zwar nicht - ist diese vorhanden, habe der Arbeitgeber jedoch aufgrund seiner Fürsorgepflicht für deren optimierte Funktionsweise zu sorgen.

Die Sektion Arbeitsrecht und Zentral-Arbeitsinspektorat des Arbeitsministeriums schätzt das Übertragungsrisiko von Covid-19 über Klimaanlagen grundsätzlich als gering ein, wie es von dieser zur "Wiener Zeitung" heißt. Auch sie rät zu einer Reduktion der Umluftanteile. Sie warnt allerdings davor, die Klimaanlage in Räumen, in denen Infizierte behandelt werden - also zum Beispiel in Spitälern - oder in denen mit infektiösen Materialien hantiert wird, abzuschalten. Das könne nämlich die Aerosolkonzentration in der Raumluft und damit das Infektionsrisiko erhöhen. Den Umgang mit raumlufttechnischen Anlagen habe man im Rahmen des Covid-19-Beratungsschwerpunktes der Arbeitsinspektion in mehr als 1000 Betrieben thematisiert. "Besondere Auffälligkeiten ergaben sich nicht", heißt es.

Viele kommen allerdings täglich mehrmals mit unterschiedlichen Klima- beziehungsweise raumlufttechnischen Anlagen in Kontakt und atmen, meist unbewusst, deren Luft. In den öffentlichen Verkehrsmitteln der "Wiener Linien" zum Beispiel kommen vor allem Zuluftanlagen zum Einsatz, wie es auf Nachfrage heißt. "Wir warten und desinfizieren die Klimaanlagen unserer Fahrzeuge und tauschen die Filter regelmäßig", so die "Wiener Linien". Auch die Fahrzeuge selbst würden gereinigt und desinfiziert.

Bei den Klimaanlagen der ÖBB werde sowohl Außen- als auch Umluft angesaugt und gekühlt, heißt es von diesen. Und was die Luftfahrt betrifft, so kommen laut Boeing und Airbus feine Filter zum Einsatz. Konkreter wird die Lufthansa Group: Alle Flugzeuge seien mit hochwertigen Luftfiltern ausgestattet, die eine Luftqualität wie in einem Operationssaal gewährleisten.

Außerdem gilt in den öffentlichen Verkehrsmitteln ja nach wie vor die Maskenpflicht. Und auch das regelmäßige Händewaschen und konsequente Abstandhalten zählen noch immer zu den denkbar einfachsten Maßnahmen für einen effektiven Schutz.