Seit rund einem Jahrhundert zur Therapie schwerer Infektionen bekannt, wurde in den vergangenen Wochen die Gabe von Spenderplasma mit Antikörpern von genesenen Covid-19-Kranken in Einzelfällen bei Schwerkranken als "rettend" bezeichnet. Eine nun mit Korrekturen versehene im Journal der American Medical Association (JAMA) erschienene chinesische Studie lässt am Effekt deutliche Zweifel aufkommen. Zudem schreiben Wiener Forscher, dass manche Sars-CoV-2-Antikörper die Covid-19-Erreger sogar fördern können.

Aktuell passt die JAMA-Studie von Lin Li und Autoren von sieben Spitälern in Wuhan auch zu den wissenschaftlichen Befunden von MedUni-Wien-Vakzinologen, Virologen und Pathophysiologen, wonach nur etwa die Hälfte von SARS-Infizierten bzw. Covid-19-Erkrankten später auch wirklich schützende Antikörper aufweisen. Die Therapie mit "Rekonvaleszenten-Plasma" gegen schwere Infektionserkrankungen, die im frühen 20. Jahrhundert erstmals angedacht und entwickelt wurde, beruht aber gerade auf der Gabe von Plasma von Personen, welche die Krankheit überstanden haben.

Besseres Ergebnis bei Schwerkranken

Die chinesischen Wissenschafter nahmen zwischen 14. Februar und 1. April (Studienende: 28. April) 103 schwer- oder schwerstkranke Covid-19-Patienten in die Studie auf. 52 erhielten zur Standardtherapie mit Beatmung etc. auch Plasma von wieder Gesundeten. 51 Erkrankte bekamen kein Plasma. 58 Prozent waren Männer, das mittlere Alter betrug 70 Jahre.

"Eine klinische Besserung innerhalb von 28 Tagen trat bei 51,9 Prozent der Gruppe mit Rekonvaleszenten-Plasma versus 43,1 Prozent in der Kontrollgruppe auf", schrieben die Ärzte. Statistisch signifikant war das nicht. Bei der Untergruppe der Schwerkranken zeigte sich zwar ein besseres Ergebnis, die Schwerstkranken in lebensbedrohendem Zustand profitierten offensichtlich nicht von der Plasmatherapie. Auch bei der 28-Tages-Mortalität (15,7 Prozent mit Plasmatherapie, 24 Prozent ohne) war kein statistisch signifikanter Unterschied zu erkennen. Allerdings waren Kranke, welche das Plasma bekommen hatten, hoch signifikant früher wieder SARS-CoV-2-negativ im PCR-Test an Abstrichmaterial.

Plasmaspenden bleiben wichtig

"Unter Patienten mit schwerer oder lebensbedrohlicher Covid-19-Erkrankung brachte die zusätzliche Anwendung von Rekonvaleszenten-Plasma im Vergleich zu Standardtherapie allein keinen Vorteil in der Zeit bis zu einer klinischen Besserung innerhalb von 28 Tagen. Die Interpretation ist allerdings limitiert durch die frühe Beendigung der Studie, die zahlenmäßig zu klein gewesen sein könnte, um klinisch wichtige Unterschiede zu zeigen", fassten die chinesischen Wissenschafter ihre Beobachtungen zusammen.

Trotzdem bleibt die Plasmaspende für das Blutspendewesen wichtig. Pharmaunternehmen sind auch am Entwickeln von Hyperimmunglobulin-Präparaten aus Spenderplasma, in denen Antikörper gegen SARS-CoV-2 konzentriert enthalten sein sollen.

Schutzrate bei 60 Prozent

Bereits Anfang Juli haben Wiener Vakzinologen und Virologen der MedUni Wien berichtet, dass offenbar nur etwa die Hälfte von Sars-CoV-2-Infizierten eine schützende Immunantwort ausbildeten. Ein von einer zweiten Studiengruppe der MedUni Wien entwickelter Labortest zeigte nun eine solche Schutzrate bei 60 Prozent. Darüber hinaus könnten manche Antikörper die Covid-19-Erreger sogar "fördern".

Die Wissenschafter vom Zentrum für Pathophysiologie und Allergieforschung haben ihre Ergebnisse aktuell im Journal "Allergy" veröffentlicht. Rudolf Valenta und sein Team entwickelten einen ELISA-Labortest zur Identifikation schützender Antikörper nach Covid-19-Erkrankung. Dabei stellten sie fest, dass eben nur 60 Prozent der Rekonvaleszenten nach milder Covid-19-Erkrankung Antikörper entwickelten, welche die Wechselwirkung der Sars-CoV-2-Rezeptorbindungsdomäne (RBD) mit ACE2 hemmen, hieß es in einer Aussendung der MedUni Wien. Der ACE2 (Angiotensin-konvertierendes Enzym-2) ist für SARS-CoV-2 jener Rezeptor, an dem die Viren an Zellen andocken und in sie eindringen. ACE kommt insbesondere in den Atemwegen und anderen vom Virus betroffenen Organen vor.

Erhöhte Bindung an ACE2

Zusätzlich entdeckte das Wissenschafterteam aber auch noch ein bisher unbekanntes Faktum: Bestimmte Immunkomplexe, die aus RBD und Antikörpern der Patienten bestehen, besitzen eine erhöhte Bindungsrate an ACE2. Das wäre ein bisher noch nicht bekannter Mechanismus der es dem Virus ermöglicht, leichter an Körperzellen anzudocken.

"Dies ist die erste Studie, die eine erhöhte Bindung an ACE2 durch Immunkomplexe zeigt, die aus RBD und Patientenantikörpern bestehen", wurde Studienleiter Rudolf Valenta zitiert. Das macht es dem Virus potenziell noch leichter, sich festzusetzen und auszubreiten." Weitere Forschungen sollen nun herausfinden, was genau das für die Immunität und die Impfstoffentwicklung bedeutet. Auswirkungen könnten diese neuen Erkenntnisse auch auf die Entwicklung von Antikörperpräparaten gegen SARS-CoV-2 haben. (apa)