Spätestens im Jänner rechnet der Genetiker Josef Penninger mit tragfähigen Daten aus einer klinischen Studie zu einem Medikamentenkandidaten gegen Covid-19, der in Wien entwickelt wird. Auf der Basis der - hoffentlich vielversprechenden - Daten werde man zu Jahresbeginn mit der europäischen Arzneimittelbehörde über eine rasche Zulassung dieser ersten eigens gegen die Lungenkrankheit entwickelten Arznei sprechen, bestätigte der ehemalige Chef des Wiener Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba) in einer Online-Diskussion.

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© afp/Jonathan Nackstrand

Bis 30. November solle die Rekrutierung von Patienten für die auch in Österreich durchgeführte Studie abgeschlossen sein, sagte Penninger. Das Mittel basiert auf einer von ihm und seinen Kollegen vor 22 Jahren begonnenen Arbeit am ACE2-Rezeptor. Dieser entpuppte sich als jene Struktur, die nicht nur den Sars-Erreger, der 2002/2003 pandemisch grassierte, sondern auch das Coronavirus Sars-CoV-2 zum Eindringen in menschliche Zellen nutzt.

ACE-2 (Angiotensin Converting Enzyme) ist ein Eiweiß an der Oberfläche von Zellen. Es kann Signale von außen empfangen und diese über eine Biomembran ins Zellinnere schleusen. ACE-2 hat die Aufgabe, vor Lungenversagen zu schützen. Zugleich macht es Sars-CoV-2 den Weg ins Zellinnere frei. Bei dem Medikament-Kandidaten handelt es sich um ein biotechnologisch hergestelltes menschliches Angiotensin Converting Enzym 2 (rhACE2), das der mittlerweile in Kanada tätige Mitbegründer der Wiener Biotechnologiefirma Apeiron zusammen mit Kollegen unter dem Namen "APN01" weiterentwickelte.

Das Virus braucht eine Tür, um in die Zellen einzutreten, und diese Tür heißt ACE2. Das Medikament bietet dem Virus zehntausende zusätzliche Türen, die das Schloss nicht öffnen. Dadurch findet der Erreger die richtige Tür nicht mehr", hatte Penninger kürzlich im Interview mit der "Wiener Zeitung" erklärt. APN01 spielt also den Ball zurück: Normalerweise trickst das Virus den Körper aus, indem im Schlepptau des Rezeptors in die Zellen eindringt, um sich dort zu vermehren. Nun aber gibt der Wirkstoff vor, der Rezeptor zu sein.

Bei Covid-19 handle es sich um "das größte Wissenschaftsprojekt aller Zeiten", sagte Penninger. ACE2 sei zum wahrscheinlich "meistbeforschten Protein überhaupt geworden". Um zu klären, wie man die Corona-Krise beenden kann, brauche es gut gemachte wissenschaftliche Studien für Medikamente und natürlich auch weitere Impfstudien, lautete der Tenor bei der vom Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie, der Gesellschaft für Pharmazeutische Medizin und der Medizinischen Universität Wien organisierten Veranstaltung mit dem Titel "Ohne Forschung kein Fortschritt".

Heimische Covid-Forschung

Wie sich der Forschungsstandort Österreich hier schlägt, beurteilten die Experten unterschiedlich. Um auf der internationalen Forschungslandkarte sichtbarer zu werden, ist laut Penninger der politische Mut nötig, einige Bereiche hervorzuheben. Einer der "Leuchttürme" sollte demnach die biomedizinische Forschung sein. Covid-19 zeige, wie wichtig dieses Gebiet und einschlägige Grundlagenforschung sind. Österreich habe sich im Wissenschaftsbereich "sehr gut entwickelt", man sollte aber der Idee abschwören, "überall Weltklasse" sein zu wollen, sagte der gebürtige Oberösterreicher, der seit 2018 das Life Sciences Institute der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, leitet. In Österreich sei in jeder der jüngeren Regierungserklärungen gestanden, wie wichtig Forschung ist. Eine Entscheidung für substanzielle Investitionen in "ein, zwei Bereiche", wo man tatsächlich ganz vorne mitspielen kann, wurde aber bisher noch nicht getroffen: "Wir bräuchten ein paar Leuchttürme. Die muss aber jemand definieren."

Punktuell werde hierzulande zwar sehr gute Forschung betrieben, jedoch sei Österreich bei der Durchführung von groß angelegten klinischen Studien mit hohem Budget nicht die erste Wahl. Gerade dieser Bereich koste viel Geld, das oft nur von Firmen komme. Der öffentliche Bereich müsse jedoch ebenfalls einspringen, sagte Josef Smolle, ehemaliger Rektor der Medizinischen Universität Graz. Trotz guter Ansätze gelinge dies derzeit aber noch eher selten.

Und so gilt es fast als österreichisches Schicksal, dass Medikamente zwar hier erfunden, jedoch letztlich im Ausland erzeugt werden. Eine Hürde für Grundlagenforscher und medizinischen Praktiker sei auch der Weg von der wissenschaftlichen Entdeckung in die klinische Anwendung, betonte Markus Zeitlinger, Leiter der Klinik für Klinische Pharmakologie an der Medizinuni Wien. Neben dem nötigen Geld, um Ideen voranzutreiben, fehle innovativen Forschern Know-how und die Vernetzung außerhalb des Fachbereichs, um in Richtung Produkt weiterzukommen.(est/apa)