Die zunehmende Verbreitung der Virus-Varianten insbesondere in Tirol, vor allem in den Gemeinden im Zillertal verunsicherte die Bevölkerung. Auch in Wien liegt der Anteil der britischen Variante (B.1.1.7) derzeit bereits bei rund 55 Prozent, zudem gebe es in der Bundeshauptstadt  "zehn aktive Fälle" der südafrikanischen Mutation (B.1.351). Fragen rund um die Wirksamkeit der Impfstoffe auch gegen eine Infektion mit den Virusvarianten mehrten sich. Christa Wirthumber-Hoche, Leiterin der Ages-Medizinmarktaufsicht und Virologe Florian Krammer brachten etwas Licht ins Dunkel. Alle drei Impfstoffe wirken so wie in der klinischen Testphase - auch gegen die in Großbritannien entdeckte Variante des Virus B.1.1.7.

Florian Krammer sprach sich für das Weglassen der zweiten Corona-Impfdosis aus, wenn jemand bereits eine Infektion durchgemacht hat. Es gebe mehrere Studien, die zeigen, dass infiziert gewesene Personen eine stärkere Immunantwort nach nur einer Dosis aufweisen als zwei Mal geimpfte, die zuvor keine Infektion hatten. "Wir reden da von Millionen Impfstoffdosen", die weltweit eingespart werden könnten, sagte Krammer bei einer Online-Pressekonferenz.

Gleich gut wie in der klinischen Prüfung

Christa Wirthumer-Hoche, Leiterin der Ages Medizinmarktaufsicht, stellt fest, dass es bei allen drei bislang in Österreich zugelassenen Impfstoffen Moderna, Biontech und AstraZeneca ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis gibt. Bereits während der klinischen Prüfung in Phase 3 des Zulassungsprozesses sei geprüft und festgestellt worden, dass es "milde und moderate Nebeneffekte" gebe. Weil die Zulassung bedingt für ein Jahr erfolgte, liefern die Arzneimittelproduzenten nun den Behörden weitere Daten zum Nutzen-Risiko-Verhältnis als Beleg für die Ergebnisse aus dem Zulassungsprozess nach.

Die gute Nachricht für Wirthumer-Hoche – und die österreichische Bevölkerung -  lautet nun: "Die gemeldeten Nebenwirkungen kennen wir sowohl in Art und Anzahl aus den klinischen Studien." Zirka acht Prozent meldeten ihre vermuteten Nebenwirkungen ein, das Gesundheitspersonal musste sie verpflichtend einmelden. Es waren wie in der klinischen Studie milde: "Es handelt sich vor allem um Kopfschmerzen und Schwindel. Das kommt bei 50 Prozent der Einmeldungen vor." Auch Schmerzen bei der Einstichstelle oder in den Gliedern wurden selten gemeldet, und: "Nur in ganz seltenen Fällen gab es schwerwiegendere Nebenwirkungen."

AstraZeneca lässt bei der südafrikanischen Variante etwas aus

Florian Krammer, vom Krammer Laboratory, Department of Microbiology, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, erläuterte die Frage, ob die Impfstoffe auch bei den neuen Varianten wirken, der in Großbritannien detektierten B.1.1.7, der süfafrikanischen Variante B.1.351 und der in Brasilien entdeckten P1.

Alle drei Impfstoffe wirken "sehr, sehr gut" gegen die britische Variante. "Das ist auch die Variante, die in Österreich von allen dreien am weitesten verbreitet ist", gibt sich Krammer erfreut. Zu P1 gebe es allerdings noch keine Erkenntnisse. Unerfreulicher sind die Ergebnisse von B.1.351, die allerdings der brasilianischen Variante sehr ähnlich sei, was die Oberflächenproteine anbelangt.

Man wisse bereits, dass die Impfstoffe von Johnson&Johnson und von Novavax eine reduzierte Wirksamkeit haben, sagt Krammer. Er sagt aber auch: "Sie ist etwas reduziert, aber nicht aufgehoben." Für Österreich ist die Erkenntnis interessant, dass "auch AstraZeneca nicht so gut wirkt". Zu den Impfstoffen von Pfizer und Moderna gebe es noch keine Erkenntnisse. "Es wäre wichtig, dass man das herausfindet." Krammer ist folglich vom Vorschlag der Innsbrucker Virologin Dorothee von Laer sehr angetan. Sie schlug eine Studie in Tirol mit dem Pfizer-Impfstoff bei B.1.351 vor, um die Wirkung desselben bei dieser Variante zu ergründen. Zwei vorerst noch gute Nachrichten: B.1.351 macht in Österreich noch einen sehr geringen Prozentsatz aus. Und auch nach einer AstraZeneca-Impfung kann man später mit einem weiteren auch gegen Varianten wirksameren nachgeimpft werden.

(v.l.) Christa Wirthumer-Hoche und Renée Gallo-Daniel beim Online-Pressegespräch. - © FINE FACTS Health Communication
(v.l.) Christa Wirthumer-Hoche und Renée Gallo-Daniel beim Online-Pressegespräch. - © FINE FACTS Health Communication

Warum dauert die Impfstoffproduktion so lange?

Impfstoffproduktion sei schon unter Normalbedingungen eine Herausforderung und ein Balanceakt, sagt Renée Gallo-Daniel, Präsidentin und Mitbegründerin des Österreichischen Verbands der Impfmittelhersteller (ÖVIH) im Livestream, das gilt erst recht unter Pandemie-Bedingungen.

Üblicherweise dauert der Prozess der Impfstoffherstellung etwa drei Jahre. Impfstoffe, die heute verimpft werden, ausgenommen freilich Corona-Impfstoffe, wurden 2017 produziert. Unter Pandemiebedingungen wird demnach auf Hochdruck hergestellt. "Als Impfstoffhersteller haben wir bereits zu Beginn der Impfstoffentwicklung  damit begonnen, Einkauf, Logistik und Produktion zu planen, ohne zu wissen, ob es je zu einer Zulassung kommen würde", so Gallo-Daniel.

Internationale Abstimmungen

Die Produktion von Impfstoffen ist komplex, erfordert viel Planung,  Abstimmung mit regionalen Behörden und internationalen Zulieferern. Rohstoffe und andere Materialien müssen zuerst in ausreichender Menge zur Verfügung stehen, bevor die Produktion überhaupt beginnen kann. Auch der Transport der Impfstoffvorstufen und des Endprodukts ist eine Herausforderung. Jeder Schritt wird von einer genauen Qualitätskontrolle begleitet. "Um den weltweiten Bedarf abzudecken braucht es ein weltweites Netz an Kooperationpartnern", sagt Gallo-Daniel.

Neue Produktionsanlagen können nicht einfach aus dem Boden gestampft werden, es dauert fünf bis zehn Jahre, bis eine Impfstoffproduktionsanlage errichtet, validiert und registriert ist.  Gallo-Daniel: "Eine Ausweitung der Produktionskapazität ist daher von Investitionen in bestehende Anlagen abhängig. Daran arbeiten wir derzeit mit Hochdruck."

Ausdrücklich warnen die Experten davor, Impfstoff auf eigene Faust im Internet zu erwerben, das sind vermutlich Fälschungen.