Rund 60 Prozent der Covid-19-Neuinfektionen gehen lauten Daten der Ages schon auf die Kappe von neuen Varianten des Sars-CoV-2-Virus. Hinter diesen Zahlen steht die komplexe Arbeit von Wissenschaftern, die das Erbgut des Virus kontinuierlich analysieren. Weltweit konnten bereits mehr als 500.000 Genome vollsequenziert werden, in Österreich sind es rund 4.000. Eine verlässliche Einschätzung der Pandemiesituation ist allerdings nach wie vor schwierig, urteilen heimische Forscher. Sie wollen aber verhindern, dass noch besser angepasste Viren übersehen werden, und versuchen, die gesamte Veränderungsdynamik zu erkennen.

Der Durchmarsch von B.1.1.7, der britischen Variante, zeigt sich eindrücklich: In bis zu 2.500 Proben, die Teams um Luisa Cochella vom Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) und Ulrich Elling vom Institut für Molekulare Biotechnologie (Imba) am Ende der vergangenen Woche entschlüsselt haben, fand sich der "Wildtyp" des Virus nur noch 27 Mal. Dahingegen wiesen in den für Österreich nicht repräsentativen Stichproben bereits um die 80 Prozent des Erbguts der Spike-Proteine, die das Coronavirus zum Eindringen in die menschliche Zelle braucht, jene mehreren Mutationen auf, die der britischen Variante entsprechen.

Anfang Jänner machte die Normvariante noch rund 50 Prozent der analysierten Fälle aus. Dazu kamen vor allem "relative milde Mutationen, die noch nicht allzu besorgniserregend waren", sagte Elling im Gespräch mit der APA. Nun sehe man, wie sich die Südafrika-Variante (B.1.135) in Tirol weiterhin, allerdings auf relativ konstantem Niveau halte und sich B.1.1.7 vor allem im Osten des Landes zur Dominanz aufschwingt, indem sie auch die anderen Varianten zusehends verdrängt, so der Experte.

Da die Impfstoffeffizienz bei der südafrikanischen Variante laut Elling anscheinend "deutlich schlechter" ist, sollte vor allem deren Verbreitung weiterhin vehement eingedämmt werden.

Veränderungsdynamik sehen

In Zukunft werde entscheidend sein, ob in den Mutationsmix der nun dominanten britischen Variante noch weitere Veränderungen aufgenommen werden, die die gesteigerte Übertragbarkeit von Sars-CoV-2 weiter erhöhen. Einige Mutationen würden nahelegen, dass sie auch die Infektiosität erhöhen oder den Erreger besser vor dem Zugriff des Immunsystems schützen. So sind etwa die in B.1.1.7 und B.1.135 vorhandene N501Y-Mutation sowie die im Südafrika-Typ präsente E484K-Mutation schon vielfach unabhängig voneinander entstanden, erklärt auch Andreas Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin (Cemm). Ähnliches lassen auch andere Mutationen vermuten. "Deshalb müssen wir dem entgegentreten", betont Elling.

Nach dem "Hype" um diese Varianten werde es noch sehr wichtig werden, die gesamte Veränderungsdynamik zu erkennen. Das betreffe vor allem Fragen der Anpassung der Impfstoffe. Insgesamt sehe man, "dass das Bild bunter wird", so Bergthaler. Weltweit zeige sich, dass verschiedene neue Varianten das Zeug dazu haben, sich in wenigen Wochen regional durchzusetzen.

Raus aus der Spirale

Dass in Österreich viel darangesetzt wird, ein rasch Daten lieferndes Monitoring-System zu etablieren, könne man als "Aufwärmübung" für den Fall sehen, "wenn etwa Varianten auftreten, die komplett der Immunantwort entkommen können", so der Forscher. Taucht etwas auf, das danach aussieht, brauche es regional Möglichkeiten zur schnellen Reaktion.

Trotz all der Anstrengungen rund um das Monitoring als "Vorwarnsystem" bleibe immer ein gewisser Zeitverzug beim Erkennen der Veränderungen, so Elling. Die beste Chance, die Weiterentwicklung des Virus hintanzuhalten sei, die Gesamtzahlen "massiv zu senken". Das würde erstens den Raum für die Evolution reduzieren und zweitens das Cluster-Tracing wieder möglich machen. Passiert das nicht, könnten neue Varianten zu einer "Verschärfung der Situation" beitragen. "Aus der Spirale müssen wir endlich ausbrechen." (APA)