Ursprünglich war ein Start im Jänner vorgesehen gewesen. Am vergangenen Samstag war es dann so weit. Erstmals sind in Großbritannien junge, gesunde Freiwillige absichtlich mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert worden. Hinter diesen sogenannten "Human Challenge Trials" steckt das Ziel, den Erreger von Covid-19 besser kennenzulernen und die Impfstoffentwicklung weiter voranzutreiben.

Die Probanden halten sich laut britischem Gesundheitsministerium am Royal Free Hospital in London auf. Dort waren sie "in einer sicheren und kontrollierten Umgebung" dem Virus ausgesetzt worden und würden rund um die Uhr von Medizinern und Wissenschaftern überwacht. Dafür ausgewählt wurden junge Menschen, die ein vergleichsweise geringes Risiko haben, einen schweren Covid-19-Verlauf zu erleiden. Vorerst haben sie die geringste mögliche Dosis an Viren zugeführt bekommen, die ausreicht, um eine Infektion auch zu erzielen. Insgesamt sollen 90 Freiwillige in das Programm aufgenommen werden.

Mit einer anfänglichen Charakterisierungs-Studie wollen die Wissenschafter auch herausfinden, wie das menschliche Immunsystem auf das Virus reagiert und wie Infizierte Viruspartikel in die Umgebung abgeben.

Der Viruslast auf der Spur

Schon seit der Einführung dieser Versuche für Covid-19 im vergangenen Jahr hat sich unser Verständnis über den Erreger drastisch weiterentwickelt. Heute ist völlig klar, dass sich das Virus - vor allem sehr schnell - ändern kann. Eine Herausforderung der Studie wird sein, die kleinste Menge an Viruspartikeln zu ermitteln, die überhaupt zu einem Ausbruch einer Infektion führt. Die Ergebnisse sollen zu einem erweiterten besseren Verständnis beitragen.

Angesichts dessen, was wir heute über den Erreger wissen, ist es allerdings auch sehr wahrscheinlich, dass sich das Virus, das nun für die Versuche verwendet wird, deutlich von jenem unterscheiden wird, mit dem sich die Welt befassen wird, wenn die Ergebnisse der Studie vorliegen.

Nicht nur diese Argumentation bringen Kritiker dieser Versuche vor. So lehnt etwa der deutsche Verband Forschender Arzneimittelhersteller die "Human Challenge Trials" als unethisch ab. Zudem gebe es medizinische Vorbehalte: "Challenge-Studien zeigen vielleicht ein verfälschtes Bild, da Erkenntnisse, die nur mit jungen, gesunden Menschen gewonnen wurden, möglicherweise nicht auf Ältere und chronisch Kranke übertragbar sind", hieß es. Künstlich herbeigeführte Ansteckungen entsprächen nicht den echten Infektionen im Alltag.

Es bestehe überhaupt keine Notwendigkeit, gesunde Personen aktiv zu infizieren, "wenn wir echte Vergleichsdaten von Millionen bereits geimpfter Menschen und hunderten von Millionen weiteren haben werden, die in naher Zukunft geimpft werden", schrieb der vormals an der Harvard School of Medicine und Harvard School of Public Health tätige Molekularbiologe William A. Haseltine in einem Kommentar in "Forbes".

Auch bei Grippe und Malaria

"Auch Impfstoffe werden gesunden Leuten verabreicht in der Erwartung, dass sie dann vor dem Virus geschützt sind oder die Krankheit nicht schwerwiegend verläuft", hatte der Immunologe Josef Penninger in einem Interview in der "Wiener Zeitung" dagegen betont. "Es ist heftig und hat ethische Implikationen", meinte der Forscher, "aber am Ende sind das die Daten, die wir brauchen."

"Human Challenge Trials", bei denen gesunde Menschen einem Erreger ausgesetzt werden, kamen in der Vergangenheit auch bei der Entwicklung von Grippe- oder Malaria-Vakzinen zum Einsatz. Mit einem Unterschied: Anders als nun in Großbritannien wurde den Probanden zunächst ein potenzieller Wirkstoff verabreicht.