Weder die thrombotischen Phänomene, die im Zusammenhang mit Covid-19, noch jene, die im Zusammenhang mit einer Impfung mit AstraZeneca auftreten, sind gewöhnliche Thrombosen. Die dahinterliegenden Mechanismen werden intensiv beforscht, nicht nur, um das Mysterium AstraZeneca zu verstehen, sondern auch, weil diese Thrombosen Aufschluss über mögliche Therapien bei Covid-19 geben können.

Paradoxien von Covid

Viele Jahre galt unter Medizinern eine Faustregel in Bezug auf die Häufigkeit von Thrombosen: Es trifft ungefähr eine von tausend Personen jährlich in Österreich. "Durch Corona hat sich einiges verschoben", sagt Thomas Gary, Gefäßmediziner der MedUni Graz. Nicht nur haben Intensivpatienten häufiger Thrombosen, Covid-19 löst überdies auch selbst Thrombosen aus. Findet man üblicherweise bei Intensivpatienten eine Thrombose-Rate von fünfzig bis sechzig Prozent, so sind alle Covid-Intensivpatienten, die nach einer schweren Erkrankung gestorben sind, davon betroffen. In vielen verschiedenen Gefäßen ihres Körpers findet man die Gerinnsel, wie aus den Autopsien hervorgeht. Covid-19 kann die sehr seltene Sinusvenenthrombose verursachen, ein extrem selten auftretendes Gerinnsel in der Vene des Gehirns. Nachdem im Zusammenhang mit Impfungen von AstraZeneca solche Sinusvenenthrombosen auftraten, vermutet man, dass hinter beidem ähnliche Mechanismen stehen.

In Deutschland, das die Verimpfung von AstraZeneca für Menschen unter sechzig ausgesetzt hat, traten bis Ende März 31 Fälle einer Sinusvenenthrombose nach einer Impfung auf. In 19 Fällen kam es auch zu einer Verminderung der Blutplättchen, die eigentlich für Gerinnung sorgen. Dieses paradoxe Phänomen scheint typisch für Covid-19 zu sein. Bis auf zwei Fälle waren ausschließlich Frauen zwischen 20 und 64 Jahren betroffen. In Österreich wurden bislang zwei Fälle einer solchen Hirnvenenthrombose gemeldet.

Eine Thrombose kommt normalerweise zustande, wenn zumindest zwei Faktoren der sogenannten "Virchow-Trias" vorhanden sind: Die Blutzusammensetzung ist gestört - es findet sich zum Beispiel ein erhöhter Anteil des Blutklebers Fibrin -, die Gefäßwände sind beschädigt oder der Blutfluss ist gehemmt. "Eine Thrombose ist immer das Zusammenspiel vieler Faktoren", so Gary. Normalerweise besteht im Körper ein Gleichgewicht an Gerinnung und Auflösung dieser Gerinnungen. Es ist ein stetiges Wechselspiel. Bei Verletzungen wird unmittelbar eine Gerinnung ausgelöst und durch Gerinnungshemmer rechtzeitig wieder gestoppt. Gerinnungsstörungen können angeboren sein oder durch die Umstände bedingt: eine Erkrankung mit hohem Fieber, Schwangerschaft, Übergewicht, langes Sitzen oder Liegen. Die Gerinnsel bestehen vor allem aus Thrombozyten, den Blutplättchen, die für die Gerinnung zuständig sind, und dem Fibrinkleber, der stabile Querverbindungen in dem Gerinnsel schafft.

Die Thrombosen bei Covid-19 sind nun anders als die "normalen" Thrombosen. Sie sind kein Erkrankungsmerkmal für sich, sondern eine womöglich aus dem Lot geratene Reaktion auf die Infektion mit dem Erreger Sars-CoV-2. Das Virus schädigt direkt die Gefäßinnenwände, wodurch lokal Blutgerinnsel entstehen können. Bei den Covid-Patienten wurde nun immer wieder festgestellt, dass diese ausgeprägte Thrombosen haben, aber kaum noch Blutplättchen. Eine sogenannte Thrombozytopenie. "Dieses Phänomen beobachtet man interessanterweise auch bei den Impfungen", sagt Gary. Eine Forschungsgruppe um Andreas Greinacher von der Universitätsklinik Greifswald hat kürzlich zeigen können, dass es bei einer Impfung mit AstraZeneca vermutlich aufgrund der Immunreaktion zu einer starken Aktivierung der Thrombozyten kommt. "Die Blutplättchen werden dabei in den vielen Gerinnseln verbraucht", so Gary. Somit sinkt der Pegel der Blutplättchen und zugleich können Thrombosen in allen Gefäßen entstehen, auch in den Venen des Bauchraumes und des Beckens. "Beinvenenthrombosen nach einer Covid-Impfung haben wir - zumindest hier im Klinikum Graz - noch nicht gesehen", sagt Gary. "Thrombosen in den Becken- und Bauchvenen sind üblicherweise ebenso wie die Thrombosen der Hirnvene sehr, sehr seltene Phänomene."

Warum dieses seltene Phänomen im Zusammenhang mit AstraZeneca vor allem Frauen im Alter um die 50 Jahre oder jünger zu treffen scheint, ist ebenso wie dieser Mechanismus noch Gegenstand der Forschung. Man vermutet, dass jüngere Menschen eine stärkere Immunreaktion auf die Impfung haben als ältere. Bei Frauen kommt hinzu, dass sie tendenziell stärker zu Autoimmun-Reaktionen neigen. "In Großbritannien war das Phänomen nicht so deutlich, da man zuerst ältere Menschen impfte."

In Bezug auf AstraZeneca rät der Mediziner, die Bewertungen der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA abzuwarten. "Man kann die Relevanz von diesem seltenen Phänomen erst ab einer gewissen kritischen Größe beurteilen, dazu ist ein zentrales Sammeln dieser Fälle in ganz Europa sinnvoll."