Der dramatische Anstieg der Infektionszahlen in Indien wird auch auf das Auftreten einer "indischen" Variante von Sars-CoV-2 zurückgeführt. B.1.617 wird auch als "Doppelmutante" bezeichnet. Sie trägt die Mutationen E484Q und L452R. Das heißt, am Spikeprotein wurde einmal an der Position 484 die Aminosäure Glutaminsäure (E) durch Glutamin (Q) und einmal an der Position 452 die Aminosäure Leucin (L) durch Arginin (R) ersetzt. Ob es sich bei dieser indischen Variante um eine sogenannte Fluchtmutation handelt, ist nicht sicher. Sie scheint wesentlich ansteckender zu sein: Laut der Nachrichtenagentur Reuters verzeichnete Indien am Donnerstag mit 314.835 Fällen die höchste Zahl an Neuinfektionen innerhalb eines Tages. 2.104 Menschen starben an einem Tag.

Amritsar, Indien am 23. April: Die indische Polizei verteilt Masken im Rahmen einer Corona-Bewusstseinskampagne der indischen Regierung. - © APA / AFP / Narinder Nanu
Amritsar, Indien am 23. April: Die indische Polizei verteilt Masken im Rahmen einer Corona-Bewusstseinskampagne der indischen Regierung. - © APA / AFP / Narinder Nanu

Nach den USA verzeichnet das südasiatische Land mit 15,93 Millionen Ansteckungen damit die weltweit höchste Zahl an Infektionen. Bislang starben 184.657 Menschen. In Indien schießen die Fallzahlen seit etwa Mitte März in die Höhe - damals waren es noch rund 20.000 neue Fälle täglich.

Deutschland stufte Indien am Freitag wegen der hohen Zahl  und der Ausbreitung von Virus-Varianten als Hochinzidenzgebiet ein.

Varianten des Coronavirus gibt es viele. Sars-CoV-2 mutiert zwar eigentlich vergleichsweise langsam, wenn aber die Bedingungen gut sind - das heißt, viele Menschen infiziert sind -, können aber sehr schnell neue Varianten auftreten, weil es viele Gelegenheiten für Mutationen gibt.

Spikeprotein bevorzugt

Bislang beziehen sich die Mutationen unabhängig voneinander immer wieder auf das Spikeprotein des Virus. Dort befinden sich die Rezeptor-Bindestellen, die zu dem ACE2-Rezeptor der menschlichen Zellen passen. Mutationen an dieser Stelle können vorteilhaft sein, weil dort auch die Antikörper andocken, um eben die Bindung des Virus an die Zelle zu blockieren. E484K ist eine solche Mutation, durch die es dem Virus aber wiederum gelungen ist, den Antikörpern auszuweichen, weil diese nicht mehr binden können.

Auch die neue Variante aus Tirol, die man schon im Februar fürchtete, hat die Mutation E484K, und zwar in Kombination mit der als ansteckender geltenden britischen Variante B.1.1.7., die sich schneller verbreiten kann.

Andreas Bergthaler, Virologe des Forschungsinstituts CeMM in Wien, brachte daher am Freitag seine Bedenken zum Ausdruck: "Labor-Studien suggerieren, dass die Antikörper sechs- bis zehnfach weniger wirksam sind", sagt er gegenüber dem Radiosender Ö1. Die Kombination B.1.1.7 sei in der Form in Großbritannien eine "Sackgasse" für das Virus gewesen, aber: "Wir dürfen dem Virus nicht die Chance geben, Fluchtmutationen zu bilden."

Wo die neue Variante entstanden ist, ob sie eingeschleppt wurde oder vor Ort hausgemacht entstand, lässt sich anhand der vorliegenden Daten nicht mit Sicherheit sagen, erläuterte Bergthaler. "Die Daten deuten aber auf Letzteres."

Ob die Impfungen in Schwaz mit der Entstehung der Mutation zu tun haben, sei eine offene Frage. In Tirol sind derzeit insgesamt 1.800 Fälle mit der Mutation bekannt. "Eine Erklärung haben wir nicht."

In Großbritannien sind unterdessen 103 Fälle der indischen Variante bekannt. Die britischen Gesundheitsbehörden haben vor dem Hintergrund des gerade beendeten Lockdowns in Großbritannien zur Vorsicht gemahnt und angekündigt, die Variante genau zu beobachten. So nüchtern sehen das nicht alle: Der Immunologe Danny Altmann vom Imperial College London geht gegenüber der Tageszeitung "The Guardian" davon aus, dass die indische Variante "schon bald" zu einer sogenannten Variant of Concern, einer Problemvariante, werden könnte. Die Tiroler Variante ist bereits eine solche, auch wenn man nicht gesichert sagen kann, ob sie tatsächlich auch schwerere Verläufe verursacht - neben den zahlreichen anderen Problemen, die sie mit sich bringt.(reuters/Cal)