London. Derzeit dominiert die vorherrschende Variante Delta die Diskussionen über die Verhältnismäßigkeit der Corona-Maßnahmen. In Sozialen Medien etwa verbreitete sich zuletzt ein Blog-Artikel, wonach britische Daten gezeigt hätten, dass die Delta-Variante "mindestens 10-fach weniger gefährlich" sei als alle früheren Varianten von Sars-CoV-2. Das ließe sich an der Case Fatality Rate erkennen, die niedriger sei als jene der Alpha und Beta-Mutationen.

Die Case Fatality Rate (CFR) gibt an, wie viele der laborbestätigten Corona-Infizierten sterben. Die Rate ist tatsächlich bei der Delta-Variante in Großbritannien derzeit niedriger als jene von Alpha oder Beta. Allerdings lässt sich auf Basis dessen nicht sagen, dass die Delta-Mutation weniger gefährlich ist. In Bezug auf die CFR müssen mehrere Faktoren, wie etwa der Impffortschritt, miteinbezogen werden. Da immer mehr Menschen durch Vakzine vor Corona geschützt sind, ist es derzeit nicht eindeutig, ob Delta an sich, ohne Impfungen, zu mehr Hospitalisierungen führen oder eine höhere Sterblichkeit verursachen würde. Studien untermauern, dass sie jedenfalls ansteckender ist.

Die reinen Zahlen der letzten Berichte von Public Health England zeigen jedoch, dass die CFR in Großbritannien bei der Delta-Variante B.1.617.2 niedriger ist als bei Alpha B.1.1.7 und Beta -B.1.351. Während die Fallsterblichkeit bei Delta im Juni 2021 bei 0,1 Prozent lag, lag sie bei der zuvor dominanten Variante Alpha bei 1,9 Prozent und bei Beta bei 1,4 Prozent.

Im aktuellsten britischen Bericht wird jedoch betont, dass die CFR nicht dafür geeignet ist, verschiedene Corona-Varianten miteinander zu vergleichen: "Die Fallsterblichkeit ist nicht zwischen den Varianten vergleichbar, da diese zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Pandemie ihren Höhepunkt hatten". Zudem würden die Krankenhausauslastung, die Verfügbarkeit von Impfungen und deren Raten, Fallprofile, Behandlungsmöglichkeiten sowie Effekte der Meldeverzögerung neben anderen Faktoren eine Rolle spielen.

Laut einem Bericht vom Juni ist die Mortalität ein verzögerter Indikator. Damit ist gemeint, dass die Anzahl der Fälle, die eine Nachbeobachtungszeit von 28 Tagen abgeschlossen haben, derzeit gering ist. Es sei also zu früh "um eine formale Bewertung der Sterblichkeit von Delta stratifiziert nach Alter im Vergleich zu anderen Varianten abzugeben."

Darauf weist auch Eva Schernhammer, Professorin für Epidemiologie an der Medizinischen Universität Wien, hin: "Meiner Meinung nach ist das ein Schlüsselstatement nämlich, dass man noch zu wenig weiß, was alters-stratifizierte Daten betrifft." Von Anfang an habe man gewusst, dass die Case Fatality Rate bei Covid-19 drastisch unterschiedlich sei für Ältere im Vergleich zu Jüngeren. Weil die Älteren bereits großteils geimpft worden seien, betreffe Delta derzeit vorwiegend Jüngere. Daher muss man laut Schernhammer auch schauen, ob die immer schon eher geringere CFR der Jüngeren nun durch Delta, im Vergleich zur CFR der Jungen bei der Alpha oder der Beta-Variante, ein wenig gestiegen ist.

Schernhammers Eindruck sei, dass das der Fall ist - "allerdings befinden wir uns dann immer noch in einem sehr niedrigem Bereich was die Sterblichkeit betrifft", sagt die Epidemiologin.

Dass es insgesamt über alle Altersgruppen hinweg so wirke, als sei die CFR niedriger, sei "kein Wunder", wenn man das Alter nicht in Betracht ziehe. Als Alpha oder Beta dominant waren, gab es mehr ältere Erkrankte, die heute geimpft sind.