Je besser wir das Coronavirus Sars-CoV-2 zu kennen glauben, umso komplexer scheint es zu sein. Nahezu täglich wird die Liste der mysteriösen Mechanismen des Erregers und der Folgen für den Körper länger. Laut einer Beobachtungsstudie aus Großbritannien mit rund 70.000 Erkrankten, die am Freitag im Fachjournal "The Lancet" erscheint, entwickelt jeder zweite Covid-19-Patient, der im Spital behandelt werden muss, zusätzliche Komplikationen. Am häufigsten sind laut den Studienautoren Nierenprobleme.

In der Regel sind Spitalsaufenthalte bei Covid-19 an schwere Verläufe geknüpft, die insbesondere dann vorkommen, wenn Betroffene bereits an Vorerkrankungen leiden. Doch die in der Studie untersuchten Komplikationen werden laut den Autoren direkt von einer Infektion mit Sars-CoV-2 hervorgerufen. "Je schwerwiegender eine Covid-Erkrankung verläuft, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit insbesondere bei beatmeten Patienten mit Lungenversagen, dass auch andere Organe, hauptsächlich die Niere, aber auch die Leber, betroffen sind. Es kann zu einer Multi-Organ-Beteiligung kommen", bestätigt Katharina Mühlbacher, Pulmologin am Herz-Jesu-Krankenhaus in Wien.

Auch Junge sind betroffen

Die Untersuchung des britischen Teams um Calum Semple von der Universität Liverpool stellt nach eigenen Aussagen die erste systematische Erhebung und Analyse der Covid-19-Komplikationen in dieser Größenordnung dar. "Die Arbeit widerspricht immer wieder auftauchenden Meinungen, wonach Covid-19 nur für Personen mit zusätzlichen Grunderkrankungen und für Betagte gefährlich ist", zitiert die "Austria Presse Agentur" den Infektiologen. Der Analyse zufolge hatten von insgesamt 73.197 untersuchten Covid-19-Spitalspatienten 36.367 zusätzliche Gesundheitsprobleme. Am höchsten sei die Komplikationsrate mit 54 Prozent erwartungsgemäß bei 60- bis 69-Jährigen gewesen, doch "die Schwere der Covid-19-Symptome bei Aufnahme ins Spital sagte auch bei jüngeren Menschen weitere Komplikationen voraus", betont Semple. 27 Prozent der 19- bis 29-Jährigen und 37 Prozent der 30- bis 39-Jährigen hätten Komplikationen erfahren. Die Gesamt-Mortalität lag bei 32 Prozent.

Die Patienten wurden zwischen 17. Jänner und 4. August 2020 in Spitälern in England, Schottland und Wales untersucht, also noch bevor es Impfungen und Mutationen von Sars-CoV-2 gab. Die Daten wurden von Ärzten, Krankenschwestern und Medizinstudenten erhoben und berücksichtigen nach Angaben der Forscher Alter, Geschlecht, Behandlungsformen und Medikation im Spital sowie Ko-Morbiditäten wie Asthma, chronische Erkrankungen von Herzkreislaufsystem, Nieren, Lungen, Leber, Erkrankungen des neurologischen Systems, Krebs, HIV, Fettleibigkeit, Rheuma und Rauchen. Als einschränkend ist anzumerken, dass das Gesundheitssystem in Großbritannien weniger Kapazitäten vorweisen kann als etwa das österreichische.

Laut der Studie verursachte Covid-19 mit 24 Prozent am häufigsten Nierenschäden. Es folgten Atmungsprobleme (18 Prozent) und den gesamten Organismus betreffende Komplikationen (16 Prozent). Herz-Kreislauf-Erkrankungen traten bei zwölf Prozent der Betroffenen auf. In nur drei Viertel der Fälle verschwanden die Komplikationen nach der Genesung. 27 Prozent der Kranken, die ins Spital aufgenommen werden mussten, konnten nach der Entlassung ihr Alltagsleben nicht mehr genau so selbstständig führen wie zuvor.

Wie lange ist Long Covid?

Ein vom University College London (UCL) angeführtes Forschungsteam nennt mehr als 200 Symptome, die Patienten von Long Covid beklagen. Bei der am Freitag im Fachjournal "EClinicalMedicine" publizierten Untersuchung handle es sich um die bisher größte internationale Beobachtung dieses Krankheitsspektrums. Die Basis der Daten bilden die Aussagen von Patientinnen und Patienten, die sich über "Body Politic", ein Selbsthilfe-Netzwerk zu Covid-19, online austauschen.

3.762 Studienteilnehmer ab 18 Jahren aus 56 Ländern berichten anhand von 253 Fragen über insgesamt 203 Symptome, die sich in zehn Organen, von der Niere über das Herz bis zum Gehirn, manifestieren. Dazu zählen chronische Müdigkeit, Symptomverstärkungen aller Art nach physischer oder geistiger Anstrengung, kognitive Beeinträchtigungen, visuelle Halluzinationen, Sehstörungen, Tremor, Juckreiz, sexuelle Störungen, Herzrasen, Zyklusstörungen, Blasenschwäche, Gedächtnisschwäche, Durchfall, Tinnitus und sogar Gürtelrose. Die Forscher zählten 66 Symptome, die Betroffene über eine Dauer von sieben Monaten erfahren haben wollen.

"Die Covid-Symptome sind divers und vielfältig. Wie können sie nur heilen, wenn wir die Ursache besser kennen", sagt Erstautor Athena Akrami, Neurowissenschafter am Sainsbury Wellcome Centre der UCL, in einer Aussendung zur Studie. "Obwohl Long Covid breit diskutiert wird, gibt es nur wenige systematische Studien zu den Betroffenen. Wir wissen noch wenig über den Schweregrad, die Dauer und den zu erwartenden klinischen Verlauf der Krankheit."

Auch Kinder und Jugendliche können Long Covid bekommen. Ob sie mit lebenslangen Beeinträchtigungen rechnen müssen, ist derzeit völlig unbekannt. Besonders junge Menschen, die noch nicht geimpft sind, stecken sich mit der dominanten Delta-Mutation an. "Wenn man den ganzen Juli heranzieht, sind 56 Prozent aller Infektionen auf die Altersstufe zwischen zehn und 30 Jahren zurückzuführen", sagt der Simulationsforscher Martin Bicher von der Technischen Universität Wien. Epsilon, Lambda, Pi oder Omega: Ob das griechische Alphabet genug Buchstaben bereithalten wird, um immer neue Corona-Varianten zu benennen, wird sich erst weisen.