Gratis-Joints, Freibier und ein Jahresvorrat an Donuts. In den USA ist man besonders kreativ, um Menschen zur Covid-Impfung zu locken. Vollständig Geimpfte können bei einer Lotterie sogar 1,5 Millionen Dollar gewinnen. In Indonesien gibt es zur Impfung lebende Ziegen, in den Niederlanden sauren Hering, Griechenland schenkt allen 18- bis 25-jährigen Geimpften 150 Euro und in Hongkong wird ein Luxusappartement verlost. Das Ziel ist klar: So viele Menschen so rasch wie möglich zu impfen, damit bei der nächsten Infektionswelle möglichst wenige Menschen schwer erkranken.

Snacks können ein Anreiz sein - oder auch die Hoffnung auf ein Penthouse. - © apa / afp / Stefan Wermuth
Snacks können ein Anreiz sein - oder auch die Hoffnung auf ein Penthouse. - © apa / afp / Stefan Wermuth

Die Durchimpfung der österreichischen Bevölkerung schreitet voran, doch nicht im gewünschten Tempo. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) legte die Latte sehr hoch. Bis Ende Juni sollten alle Impfwilligen zumindest ihren ersten Stich bekommen, sagte er Anfang April. Das Ziel wurde verfehlt. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sind mittlerweile 64,31 Prozent der impfbaren Bevölkerung geimpft. Davon haben schon 49,09 Prozent einen vollständigen Impfschutz (Stand: 14. Juli 2021). Mittlerweile gibt es sogar mehr Impfdosen als Impfwillige, was Anreizsysteme wieder in den Vordergrund rückt.

Das eigentliche Problem ist nicht die Erstimpfung. Florian Spitzer, Verhaltensökonom am Institut für Höhere Studien (IHS), sagt: "Nach dem Erststich sinkt die Impfbereitschaft. Immer mehr Menschen verschieben ihren Zweitstich oder nehmen ihn gar nicht mehr wahr." Er sieht dringenden Handlungsbedarf dabei, Zögernde auch zur zeitgerechten Zweitimpfung zu motivieren.

In Österreich wählte man dafür bis dato den pragmatischen Weg ohne Impfbelohnungen. Nur geimpfte Personen dürfen den langersehnten, testfreien Zugang zu Restaurants, Kultur- und Sportveranstaltungen genießen und auf ständige Eintrittstests verzichten. Der negative Anreiz zeigt Wirkung: Anfängliche Impfskeptiker haben mittlerweile genug von den Eintrittstests. Das bestätigt auch Edgar Wutscher, Chef der Allgemeinmediziner in der Ärztekammer: "Viele Impfgegner kommen jetzt vor allem in den Sommermonaten zu mir und wollen sich impfen lassen. Sie wollen in den Urlaub und haben genug vom ständigen Testen." Das österreichische Anreizsystem entfaltet also seine Wirkung: Wer nicht geimpft ist, hat es schwerer.

Je größer die Skepsis, desto wirkungsloser der Anreiz

Die für das Impfen zuständigen Bundesländer setzen indes auf niederschwellige Angebote - mit Erfolg. Impfstraßen ohne Voranmeldung erwiesen sich bereits als populär. In Linz gab es einen regelrechten Ansturm, in Salzburg war bei einer Aktion der Impfstoff nach einer Stunde aus. Auch Tirol versuchte mit Impfsonntagen und freier Impfstoffwahl so viele wie nur möglich in die Impfboxen zu locken. Für Spitzer sind leicht zugängliche Angebote aus verhaltensökonomischer Perspektive genau der richtige Weg. "Wir müssen die Barriere zur Covid-Schutzimpfung auf ein Minimum reduzieren und den Impfzugang so einfach wie möglich gestalten."

Können Bargeld, Lotterie-Tickets und Co. Impfskeptiker wirklich zur Impfung bewegen? Florian Spitzer ist sich sicher: Je größer die Skepsis, desto schwieriger das Unterfangen.. "Wir müssen Skeptikern die Angst vor dem Stich nehmen und ihnen langfristig das Vertrauen in Gesellschaft, Politik und unser Gesundheitssystem zurückgeben." Fest verankerte Verschwörungstheorien ließen sich mit banalen Anreizen wie Gutscheinen, Lotterien und Impfungen ohne Voranmeldung nicht beseitigen. Der Ökonom betont außerdem die hohe Notwendigkeit der Ursachenforschung: "Man muss herausfinden, warum Unsicherheit und Skepsis gegenüber der Covid-Impfung besteht."

Um Unschlüssige von der Impfung zu überzeugen, empfiehlt Spitzer, neben emotionaler, faktisch korrekter Kommunikation, ein möglichst kreatives Anreizsystem: "Man muss den Leuten genau das geben, was ihnen gefällt." Und zwar das Vertrauen in unser Gesundheitssystem, das in den vergangenen Monaten wohl etwas zu kurz kam. Aus diesem Grund appelliert jetzt auch die Ärztekammer erneut an niedergelassene Hausärzte, intensiv mit Skeptikern zu reden und Vertrauen aufzubauen. "Wenn wir die Leute überzeugen können, dass die Covid-Schutzimpfung etwas Gutes ist, dann haben wir gewonnen. Vertrauen ist das A und O", sagt Allgemeinarzt Wutscher.

Nora Szech, Professorin für Ökonomin am Karlsruher Institut für Technologie, sehe einen einfachen Impfzugang allerdings nicht als ausreichend. Um die Impfquote auf 80 Prozent zu steigern, sieht Szech finanzielle Entschädigungen von bereits 100 Euro als wirksamen Impfanreiz. Bei 500 Euro könne sogar eine Impfquote von 90 Prozent erreicht werden, so die Ökonomin im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Monetäre Belohnungen müsse man allerdings auch rückwirkend an bereits Geimpfte auszahlen aus Gründen der Gerechtigkeit - ein Vorhaben, dass jedoch finanzielle Hürden aufstellt.

Finanzieller Anreiz ist teuer, ein Lockdown aber teurer

Einen monetären Anreiz, wenn auch indirekt, schlägt auch Monika Köppl-Turyna, Chefin des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria, vor. Via Twitter brachte sie eine Prämie für jene ins Spiel, die Ungeimpfte zur Impfung überzeugen. Bei diesem Anreiz müssten keine retrospektiven Zahlungen geleistet werden. Im Gespräch mit dieser Zeitung betont Köppl-Turyna, dass "Impfbelohnungen durchaus überlegenswert" wären und "wir uns die zukünftigen Kosten eines etwaigen Lockdowns ersparen könnten".

Als berechtigte Sorge sieht die Ökonomin allerdings die Tatsache, dass sich Impfskeptiker nach belohnter Impfung schwerer zu einem weiteren, unbelohnten Stich überreden ließen. Ein derartiges strategisches Abwarten sieht auch Florian Spitzer als kontraproduktiv für zukünftige Impfungen. Ein Teufelskreis, dessen Ausmaß sich in Anbetracht einer eventuell notwendigen Drittimpfung nur schwer abschätzen lässt.

Für einen effektiven Schutz gegen die Delta-Variante, sind zwei Impfungen notwendig, während bei früheren Varianten der erste Stich bereits einen akzeptablen Schutz bot. Heimische Experten sind sich sicher: Periphere Reize und kurzfristige Gratifikationen scheinen Impf-Zweifler weniger zu überzeugen als das Vertrauen in den Hausarzt. Dass ein möglichst barrierearmer Impfzugang die Impfquote nach oben bringt, hat der Impffortschritt der vergangenen Wochen gezeigt. Gesundheit ist ja immerhin doch das beste Impfzuckerl.