Je mehr Menschen gegen das Coronavirus geimpft sind, desto weniger sollten mit Covid-19 auf den Intensivstationen liegen. So logisch das auch klingen mag - ganz so einfach ist es nicht. Vielmehr heißt es vom Robert-Koch-Institut (RKI), Deutschlands zentraler Bundeseinrichtung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention, dass der Anteil an geimpften Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen gestiegen ist. Aktuell seien es bereits 10 Prozent, im August waren es noch 4 Prozent. In Deutschland sind laut RKI rund 65 Prozent vollimmunisiert. In Österreich sind es fast 62 Prozent.

Hier sei der Anteil der vollimmunisierten Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen zwar noch stabil bei 12,4 Prozent, heißt es auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG). "Einen Anstieg wie in Deutschland werden wir aber auch bei uns sehen", meint dazu das Büro des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker (SPÖ) - wenn der Schutz nicht rechtzeitig durch die Drittimpfung aufgefrischt werde. Anfang Oktober hat die EU-Arzneimittelbehörde EMA die Auffrischungsimpfungen mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff genehmigt. Diese soll frühestens sechs Monate nach der zweiten Dosis erfolgen. Österreich hatte zwar schon davor begonnen, ein drittes Mal zu impfen, damals aber noch ohne Zulassung, also Off-Label.

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Immer weniger Antikörper

Denn die Wirksamkeit der Covid-19-Vollimmunisierung lasse zunehmend nach, ergänzt Markus Zeitlinger, Leiter der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien. Mit jedem Tag, der seit der letzten Impfung verstreicht, sinke deren Schutz. "Aufgrund der Immunogenitätsdaten, die nun bald ein Jahr lang gesammelt wurden, wissen wir, dass die Anzahl der Antikörper und damit die Schutzwirkung stetig abnimmt", sagt Zeitlinger zur "Wiener Zeitung". "Aber", so der Pharmakologe weiter, "Medizin ist Statistik". Bei den einen könnte der Schutz also schon nach sechs Monaten empfindlich gesunken sein, während die anderen noch nach einem Jahr genügend Immunität hätten. Das Nationale Impfgremium empfiehlt, Personen über 65 Jahren oder mit bestimmten Vorerkrankungen sowie Geimpfte mit AstraZeneca und Janssen (Johnson&Johnson) nach sechs Monaten ein drittes Mal zu impfen.

Zudem ist die sogenannte Immunantwort, also die Reaktion des Immunsystems, je nach Impfstoff unterschiedlich. Den Impfstoff von AstraZeneca zum Beispiel lässt Österreich zwar aufgrund seiner starken Impfreaktionen und etwas geringeren Wirksamkeit auslaufen, dessen Immunantwort lässt generell aber weniger schnell nach als jene der mRNA-Vakzine. Mit der 8. Novelle zur 2. Covid-19-Öffnungsverordnung, die am 15. September in Kraft getreten ist, wurde die Gültigkeit der Zweitimpfungen und auch der Erstimpfung für bereits genesene Personen auf 360 Tage verlängert - bei Impfstoffen, bei denen nur eine Impfung vorgesehen ist wie bei jenem von Janssen (Johnson&Johnson), ist die Gültigkeitsdauer von 270 Tagen aber geblieben.

Dazu komme, dass sich die - im Vergleich mit ihren Vorgängern um vieles infektiösere - Delta-Variante nun wieder vermehrt ausbreite, so die GÖG. Und: Da generell immer mehr Menschen geimpft sind, war der Anstieg der Erkrankungen bereits Geimpfter in Deutschland laut RKI erwartbar. Der Anteil unter den Ungeimpften, die ins Spital kommen, ist immer noch um vieles höher als jener der Geimpften.

Intensivbetten noch vorhanden

Die maximale Auslastung der Intensivbetten in Österreich ist jedenfalls nicht erreicht und die Belagszahlen waren zuletzt stabil. Laut GÖG waren mit Stand 8. Oktober 10,5 Prozent der 2.102 Intensivbetten in Österreich mit Covid-19-Patienten belegt. Das sind 221 Erkrankte. Auf der Normalstation liegen laut den Daten der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) 637 Covid-19-Patienten.

Was sich aber seit längerem immer deutlicher abzeichne und besorgniserregend sei, so das Büro Gesundheitsstadtrat Hacker, sei, dass sich das Verhältnis der Covid-19-Patienten auf den Normalstationen und jenen auf den Intensivstationen mit der Delta-Variante hin zu Letzteren verschiebe. Konkret sei zu Beginn der Pandemie auf zehn Normalpatienten ein Intensivpatient gekommen - mittlerweile sei das Verhältnis bereits drei zu eins. "Die, die erkranken, rauschen oft durch auf die Intensivstation", heißt es. Das Problematische daran: Covid-19-Patienten belegen bis zu viermal länger ein Intensivbett als andere Patienten und benötigen eine engmaschigere Überwachung und Therapie.

Für Drittimpfung verständigt

Auffallend sei auch, und hier schließt sich der Kreis zu den Geimpften und zum nachlassenden Impfschutz, dass die überwiegende Anzahl der geimpften Intensivpatienten über 65 Jahre alt seien, an Vorerkrankungen litten und/oder eine Autoimmunerkrankung hätten und Immunsuppressiva einnehmen. Also vorwiegend jene Menschen, die unter den Allerersten waren, die gegen Covid-19 geimpft worden sind -und deren Vollimmunisierung zunehmend nachlässt. Im Dezember 2020 wurde die erste Impfung in Österreich verabreicht, einer 84-Jährigen.

In fast allen Bundesländern wird bereits zum dritten Mal in Alten- und Pflegeheimen geimpft, und die Online-Anmeldungen laufen überall. Wie ein Rundruf der "Wiener Zeitung" zeigt, werden die Betroffenen von den Ländern per Brief informiert, sobald sie sich für die Drittimpfung anmelden sollen. Diese Anmeldung wird empfohlen, muss aber eigenständig erfolgen.

Schützt die Impfung aber überhaupt davor, schwer zu erkranken, wenn ja auch Geimpfte auf den Intensivstationen liegen? Auf jeden Fall, heißt es dazu von der GÖG: Deren Schätzungen zufolge wurden durch die Impfkampagnen von Februar bis Oktober dieses Jahres österreichweit 12.607 Krankenhausaufenthalte, 3.457 Aufenthalte in Intensivstationen und 3.926 Todesfälle vermieden. Insgesamt sind seit Beginn der Pandemie laut Ages 10.886 Personen mit dem Coronavirus gestorben. Von den Covid-19-Patienten in Intensivbetreuung waren es, so die GÖG, rund 36 Prozent.