Der oberflächliche Blick auf das Infektionsgeschehen ist unangenehm genug. Auch am Donnerstag wurden mehr als 4.000 neue Corona-Fälle gemeldet, die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen ist innerhalb von fünf Tagen von 219 auf 265 angewachsen. Und bei der Impfrate liegt Österreich mittlerweile im unteren Mittelfeld Europas. Zieht man nur westeuropäische Länder als Vergleich heran, ist Österreich Letzter. Und das sieht man auch an den Fallzahlen.

Der tiefere Blick in die Daten macht noch etwas unrunder. Zwar ist die Inzidenz bei älteren Bevölkerungsgruppen nach wie vor niedriger, was angesichts der höheren Durchimpfungsrate naheliegt, aber in den vergangenen Tagen entwickelt sich das Infektionsgeschehen in diesen Gruppen dynamischer. Die effektive Reproduktionszahl, die angibt, wie viele Personen durchschnittlich von einem Infizierten angesteckt werden, liegt bei 55- bis 84-Jährigen bereits über 1,3 und ist damit höher als bei Jüngeren.

Eine Ursache dafür ist schwindende Immunität. Das zeigt etwa auch der Fall der Masseninfektionen auf dem Donauschiff mit 80 Fällen. Alle Infizierten waren geimpft oder genesen. Das heißt nicht, dass die Impfung wirkungslos ist. Das Gegenteil ist nach wie vor richtig: "Es ist ein Wahnsinn, wie hoch die Effektivität ist", sagt der Mediziner und Gesundheitsökonom Thomas Czypionka. Für einen dauerhaften Schutz sind aber zwei Teilimpfungen offenbar nicht ausreichend. Davon war zwar auszugehen, unsicher war aber, wie lange die Immunität hält bzw. in welcher Qualität. "Wir sind von einer langsameren Abnahme ausgegangen. Es geht aber doch schneller", sagt Czypionka.

Die Auswertung eines großen Datensatzes von Public Health England mit einigen britischen Universitäten zeigt, dass 20 Wochen nach dem zweiten Stich die Wirksamkeit des Impfstoffs von Biontech/Pfizer gegen eine symptomatische Infektion auf rund 70 Prozent abfällt, bei AstraZeneca sogar auf unter 50 Prozent. Der Schutz vor spitalspflichtigen Verläufen oder gar Tod bleibt deutlich stabiler.

Impfschutz schwindet bei Älteren schneller

Auffällig ist der Unterschied zwischen jüngeren und älteren Personen. Ältere haben nicht nur weniger Schutz nach der Impfung, die Immunität schwindet bei ihnen auch rascher. Andererseits ist genau diese Gruppe vom Coronavirus stärker gefährdet. Das ist keine günstige Kombination, und umso heikler ist es, wenn, wie derzeit, das Infektionsgeschehen in älteren Kohorten an Dynamik gewinnt.

- © apa / Herbert Neubauer
© apa / Herbert Neubauer

Der dritte Stich soll hier Abhilfe schaffen. Diese "Auffrischung", wie auch in dieser Zeitung zu lesen war, sieht der Pharmakologe Markus Zeitlinger von der MedUni Wien mittlerweile als die dritte Teilimpfung zur Grundimmunisierung an. "Es ist wie bei der Zeckenimpfung", sagt er, also zwei Impfungen in einem recht kurzen Abstand, eine dritte nach etwa einem halben Jahr. "Aus heutiger Sicht ist es unwahrscheinlich, dass man nach einem weiteren halben Jahr die vierte braucht", sagt er. Die Immunität könnte auch Jahre halten, wenn keine Mutation auftauchen sollte, die den Impfschutz komplett umgeht.

Zeitlinger würde auch viel aktiver eben nicht auffrischen, sondern die Grundimmunisierung abschließen. Derzeit soll der dritte Stich bei Personen mit Vektor-Impfstoffen (AstraZeneca, Janssen) sowie bei älteren Personen und jenen mit Vorerkrankungen nach frühestens sechs Monaten, bei der restlichen Bevölkerung nach neun Monaten erfolgen. Die Zulassung der EU-Arzneimittelbehörde EMA würde aber eine allgemeine Abgabe nach sechs Monaten erlauben. "Die Abstufung war grundsätzlich richtig", sagt Zeitlinger. Die aktuell hohe Inzidenz und die nach wie vor steigenden Fallzahlen würden die Lage aber verändern. Der Großteil der dritten Impfungen würde nach derzeitigem Impfplan erst nach dem Winter erfolgen. Wie stark der Effekt der dritten Impfung ist, ließ sich in Israel beobachten. Dort konnte die Delta-Welle dadurch deutlich gedrückt werden.

Ab nächster Woche beginnen Informationskampagnen

Dagegen spricht laut Czypionka, dass die dritte Impfung bei noch bestehendem hohen Schutz, speziell also bei Jüngeren, zu stärkeren Impfreaktionen führen und damit wieder negativ auf die Bereitschaft wirken könnte. Auch Zeitlinger gibt an, dass man ein bis zwei Tage "außer Gefecht" sein könne. Auf der anderen Seite davon steht das höhere Risiko einer Infektion.

Aus dem Gesundheitsministerium war bis Redaktionsschluss dazu keine Stellungnahme zu bekommen. Nur so viel: Ab Mitte November wird per Brief um die dritte Impfung geworben. Und auch über die App des Grünen Passes sollen die Anspruchsberechtigten für die dritte Impfung rechtzeitig informiert werden. Wien startet mit der Informationskampagne bereits kommende Woche. Bisher wurde vor allem in Pflegeheimen geimpft. In der kommenden Woche werden allein in Wien 40.000 Personen anspruchsberechtigt für die dritte Impfung.