Sich auf die Menschenmenge vor der Bühne fallen lassen, über den Köpfen der Fans weitergereicht werden: In Irland ist das Musikern derzeit nicht erlaubt. Und wenn sich die Konzertbesucher ein Getränk an der Bar holen wollen, müssen sie in der Schlange einen Meter Abstand zueinander lassen.

Erst vor zwei Wochen durften die Nachtklubs auf der Insel wieder öffnen, nach 20 Monaten Corona-Zwangspause. Irland hatte einen der schärfsten Lockdowns in Europa, und eigentlich wollte die Regierung in Dublin Ende Oktober alle Einschränkungen wieder aufheben. Doch dann hat sie sich entschlossen, einige Restriktionen aufrechtzuerhalten. Denn die Fallzahlen stiegen wieder deutlich - und sie steigen weiter.

Das Land verzeichnete Anfang der Woche die höchste Zahl an Neuinfektionen seit einem Rekordwert Anfang des Jahres: mehr als 3.700 Ansteckungen. Zwar waren es im Jänner mehr als doppelt so viele Fälle, doch hat sich seit damals eines radikal geändert: die Impfsituation. Mittlerweile weist Irland da eine der höchsten Quoten weltweit auf. Neun von zehn Erwachsenen sind immunisiert, seit Ende Juli werden auch Jugendliche ab zwölf Jahren geimpft.

Als Gründe für die hohe Akzeptanz für die Impfung führen Politiker gerne den Zusammenhalt der Gesellschaft an, für die ihre Mitglieder die Verantwortung übernehmen. Auch Vertrauen in die Wissenschaft wird als Argument genannt. Es kann aber ebenso gut daran liegen, dass Geimpfte mehr Freiheiten genießen als Ungeimpfte. Das Zertifikat ist die Eintrittskarte für das Pub oder eben den Nachtklub. Geimpft oder genesen muss der Gast sein, ein Test gilt nicht.

Schwieriger fällt die Erklärung, warum die Fallzahlen nun wieder höher werden. Ihr Anstieg Anfang der Woche betrug 70 Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Die 14-Tage-Inzidenz lag bei 695 Ansteckungen pro 100.000 Personen - und war damit 18 Prozent höher als eine Woche zuvor.

Experten versuchen den Anstieg teils mit der Herbstsaison und dem Zyklus des Coronavirus zu erklären, auf den niedrigere Temperaturen Auswirkungen haben können. Denn Menschen verlagern ihre Aktivitäten ins Innere, kommen auf engem Raum zusammen. Auch gehe es darum, welche Gruppen geimpft seien, erklärte die Immunologin Christine Loscher dem Sender RTE: Wenn eine größere Gruppe von Menschen - etwa über einem bestimmten Alter - geimpft sei, gebe es noch immer einen Anteil von Ungeimpften, wo "das Virus seine Runden macht". Auch der Kontakt bei Reisen könne ein Faktor sein: Der Austausch zwischen Irland, Nordirland und Großbritannien ist signifikant.

Impfen und Hände waschen

In dem meisten Fällen dürfte der Verlauf der Erkrankung mild sein. Die Bettenbelegung in den Krankenhäusern wird zwar höher, erreicht aber nicht das krisenhafte Niveau des Jahresanfangs.

Vor kurzem war der oberste Gesundheitsbeamte des Landes, Tony Holohan, bei einem Auftritt vor Journalisten um Beruhigung bemüht. "Covid-19 zirkuliert weithin in unserer Gesellschaft, doch wir haben die Instrumente, seine Verbreitung einzudämmen." Holohan strich dabei nicht nur die Impfung hervor, sondern auch Maßnahmen wie Hände waschen und Masken tragen. Vor allem aber sollten Menschen zu Hause bleiben, wenn sie Krankheitssymptome aufweisen. (czar/reuters)