Je länger die Pandemie andauert, desto verzwickter scheint die Lage: Mehr als 30 Mutationen am Spike-Protein, dem "Türöffner" des Coronavirus, trägt eine neue Variante, die sich derzeit in den südafrikanischen Städten Johannesburg und Pretoria ausbreitet und  Europa bereits erreicht hat. Der Wiener Virologe Andreas Bergthaler gibt Einblicke, was von B.1.1.529 zu erwarten ist.   

"Wiener Zeitung": Wie besorgniserregend ist B.1.1.529?

Andreas Bergthaler: Die neue Variante macht Sorgen, da mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein entdeckt wurden. Sie ist nur entfernt mit der vorherrschenden Delta-Variante verwandt, vereint jedoch eine Vielzahl an Mutationen, die wir auch von Delta, Alpha, Beta und Gamma kennen. Hinzu kommen ungewöhnliche Mutationen, die zusätzliches Genmaterial eingebaut haben oder in anderen Teilen des Genoms passiert sind. In Südafrika steigen die Zahlen und es gibt Hinweise, dass das mit B.1.1.529 im Zusammenhang steht.

Wie schätzen Sie die Folgen ein?

Es ist ein neues Virus-Genom mit einer Reihe von Mutationen, die man vorher nicht in dieser Kombination gesehen hatte. Die Situation erinnert an die Entstehung der im Vorjahr dominanten Alpha-Variante in England, wo eine Veränderung genau dort vorlag, wo PCR-Tests ansetzten, bei denen in der Regel zwei Durchgänge gefahren werden. Wenn einer ausfällt, kann das an einer neuen Mutation liegen. Jetzt gibt es solche Ausfälle bei PCR-Tests in Südafrika.

Kann die neue Variante die Impfung durchbrechen?

Prognosen sind schwierig, denn Computeranalysen alleine erlauben keinen Aufschluss darüber, ob die Variante tatsächlich die Immunantwort unterläuft. Dazu benötigt es vor allem auch starke epidemiologische Daten und Resultate aus dem Labor. In der Petrischale wurde bisher gezeigt, dass an einigen Mutationen die Antikörper schlechter binden, weswegen diese Variante den Immunschutz unterlaufen könnte.

Was bedeutet das für den Schutz durch den dritten Stich?

Grundsätzlich ist diese neue Variante umso mehr ein Grund, sich jetzt die Auffrischungsimpfung oder endlich die Erstimpfung zu holen. In welchem Ausmaß die neue Variante, falls sie sich global durchsetzen sollte, Immune-Escape-Eigenschaften (Umgehen des Immunschutzes, Anm.) mit sich bringt, wird man erst in ein paar Wochen wissen. Darauf sollte man jedoch nicht warten, sondern sich jetzt impfen, da die Impfung zurzeit immer noch unser wertvollstes Werkzeug darstellt.

Könnte B.1.1.529 sich selbst wieder auslöschen?

Wenn B.1.1.529 sich selbst auslöscht, könnte sie freilich letztlich nur ein regionales Strohfeuer gewesen sein. Varianten, die sich durchsetzen, müssen in der Regel infektiöser sein, da jene, die sich weniger schnell fortpflanzen, verloren gehen. Was wir kennen, sind Trade-Offs: Eine Mutation, die gut sein kann für Immune Escape, kann gleichzeitig die Replikation des Virus verlangsamen. Es ist daher nicht einfach, vorherzusagen, welchen Effekt eine Mutation hat, insbesondere da Mutationen nicht isoliert auftreten und die Evolution eines Virus immer in Kombination mit dem Wirten zu sehen ist.

Andreas Bergthaler, geboren 1977, ist Virologe und Immunologe am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, wo Viren-Sequenzierungen in Österreich durchgeführt werden. 
- © APA/HELMUT FOHRINGER

Andreas Bergthaler, geboren 1977, ist Virologe und Immunologe am Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, wo Viren-Sequenzierungen in Österreich durchgeführt werden.

- © APA/HELMUT FOHRINGER

In internationalen Medien ist von einem Super-Corona die Rede, zahlreiche europäische Länder haben den Flugverkehr zu Südafrika gesperrt, es gibt erste Fälle in Europa, zunächst war das in Belgien. Wollen Sie uns etwa beruhigen?

Aufgrund der wenigen verfügbaren Sequenzen, die es derzeit gibt, haben innerhalb von wenigen Tagen an mehreren Stellen der Welt die Alarmglocken zu schrillen begonnen. Das hat damit zu tun, dass die Variante eben eine äußerst hohe Anzahl an Mutationen besitzt - aber basierend auf einer geringen Anzahl an Sequenzen. Wie die geänderten Eigenschaften der Variante am Ende des Tages sind, muss man sich wissenschaftlich genau anschauen, es ist noch zu früh für Schlussfolgerungen.

Unzählige weitere Tote, Ausnahmezustand auf Jahre?

Wenn wir jeden Winter die Spitäler voll haben und alles kollabiert, haben wir keine Wahl. Wir müssen uns vielleicht darauf einstellen, dass uns das unter Umständen länger begleitet, selbst wenn wir dann von einem saisonalen, grippeähnlichen Effekt sprechen. Alle Diskussionen haben sich bisher auf die Delta-Variante bezogen, aber wenn jetzt etwas Neues mit anderen Eigenschaften kommt, muss man neu rechnen. Es ist ein Wettrennen zwischen einem sich verändernden Virus und Fortschritten bei Impfungen und Medikamenten.

In Europa dominiert die hochansteckende Delta-Variante. Könnte B.1.1.529 sie vom Platz fegen, so wie Delta einst Alpha zum Verschwinden brachte?

An sich haben wir hierzulande seit Juni eine sehr robuste Delta-Situation. In dieser Dominanz war es bisher keiner anderen Variante gelungen, das Infektionsgeschehen zu übernehmen. Auch in Delta gibt es verschiedene Mutationen, aber keine scheint einen größeren Vorteil als sie selbst zu bieten. Man darf sich das vorstellen wie einen Baum, aus dessen Stamm Äste und weitere Äste sprießen. Delta war bis vor wenigen Tagen der einzige Ast, aus dem ein neuer Stamm wurde.

Wie lange dauert es, bis eine Variante die Welt erobert?

Delta wurde im September 2020 erstmals in Indien sequenziert. Sie ist vor den Impfungen entstanden, hatte also nicht denselben Selektionsdruck, und schlummerte monatelang dahin. Es war nicht von Anfang an klar, dass sie so erfolgreich sein würde, und alles andere als absehbar, was die Evolution an Überraschungen bieten würde.

Wann sind wir endlich durch?

Das ist schwierig zu sagen. Wir werden vermehrt Durchseuchung erleben und die Impfraten werden steigen. Insgesamt entsteht ein gewisser Sättigungsgrad, weil früher oder später jeder Mensch schon einmal infiziert oder geimpft sein wird, und das ist eine neue Situation für das Virus. Vom Beginn der Pandemie bis zum Herbst 2020 war seine Evolution relativ konstant und mit einer bis zwei Mutationen pro Monat eher langsam. Mit Alpha hatte eine Variante plötzlich einen ganzen Rucksack an Mutationen mitgeschleppt und es war nicht klar, woher das kommt. Heuer gab es dann erste Anhaltspunkte, dass sich die Evolution des Virus beschleunigt hat. Delta ist deutlich diverser, als Alpha es je war. Ob B.1.1.529 hierbei das globale Bild der Pandemie beeinflussen oder gar dominieren wird, kann man derzeit jedenfalls nicht sagen. Wenn wir jetzt schon wüssten, welche Varianten uns in drei Jahren begegnen, könnten wir die Impfstoffe drauf ausrichten, aber leider ist das nicht der Fall. Wir können bloß beobachten, durch engmaschiges Monitoring, was sich durchsetzt, und daraus Schlüsse ziehen.

Wie viele Schritte benötigt es, um die volle Mutationsbreite eines Virus auszuschöpfen?

Das Virus hat 30.000 Buchstaben in seinem Genom und jede Position kann mutiert werden. Viele Mutationen gehen in eine Sackgasse, andere halten den Erreger am Leben, wieder andere verschaffen ihm einen Vorteil. Wenn eine Mutation dem Virus einen Nachteil bringt, wirkt die Selektion: Das neue Virus wird sich nie durchsetzen können, denn eine einzige solche Mutation kann den Erreger lebensunfähig machen. Wenn ein Virus viele Fehler angehäuft hat, ist es nicht mehr replizierfähig.

Das Pharmaunternehmen Biontech prüft eine mögliche Anpassung seines mRNA-Impfstoffs an die neue Variante. Wie gut wirken derzeit Impfungen bei Delta tatsächlich?

Sie wirken nach wie vor sehr gut zur Verhinderung von schweren Verläufen, aber wir sehen Impfdurchbrüche. Leider schützen die Impfstoffe nicht so lang vor der Übertragung, wie man sich das erhofft hatte. Die Impfung bleibt zentral, aber sie muss nachgeschärft werden für neue Varianten, und wir brauchen zusätzliche Präventiv-Maßnahmen. Wir haben einen großen Bedarf an neuen, besseren Impfstoffen, aber es wird deutlich schwieriger werden, sie zuzulassen, weil viele Leute bereits geimpft sind und das Design von klinischen Studien schwieriger wird. Dem entsprechend ist es nicht leicht abschätzbar, ob diese Pandemie im Frühjahr 2022 ausläuft oder- und das ist meine insgeheime Befürchtung - dass wir daran noch länger laborieren.