Von der neuen Coronavirus-Variante Omikron geht nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein weltweit "sehr hohes" Risiko aus. Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren globalen Ausbreitung sei groß, warnte die WHO am Montag in einem Schreiben an ihre 194 Mitgliedstaaten. Auch bei geimpften Personen dürfte es Infektionen und Erkrankungen geben, "wenn auch in einem kleinen Verhältnis".

B.1.1.529, genannt Omikron oder "kleines o", wurde laut WHO in Südafrika mittels genetischer Analyse vom 9. November entdeckt. Wie ansteckend ist die neue Corona-Variante? Umgeht sie den Immunschutz durch Impfung oder Genesung? Mit welchen Symptomen geht sie einher?

"Im Moment ändern sich die Parameter der Pandemie komplett. Alles, was kürzlich noch gegolten hat, ist anders", sagt der Molekularbiologe Ulrich Elling vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Daten aus Südafrika zu den Sars-CoV-2-Neuinfektionen "weisen auf eine Vervierfachung der Infektionsfälle pro Woche hin".

Krisenstab gefordert

Konkret sei die Zahl der Fälle in der Provinz Gauteng mit den Städten Tshwane (Pretoria) und Johannesburg von Anfang bis Ende November von 20 auf 2000 gestiegen. "Die Inzidenz hat sich von Anfang November bis jetzt verhundertfacht. Hierzulande dauerte dieser Sprung bei der Delta-Variante von Juli bis jetzt", zieht Elling Bilanz: "In Gauteng breitet sich eine Pandemie in einer Dynamik aus, die zuvor nicht beobachtet wurde. Die Steigerungsraten sind so hoch, dass unklar ist, wie das zu stoppen wäre." Es steht zu befürchten, dass Testen, Contact Tracing und Lockdowns die Lage nicht wie bisher zumindest einigermaßen kontrollieren. "Wir müssen die Tage und Wochen nutzen und einen Krisenstab organisieren, bevor Omikron sich über dieses Land legt", sagt der Molekularbiologe: "Der Sprung an Infektiösität ist größer als zuvor, die neue Variante umgeht den Immunschutz und die Symptomatik könnte sich angesichts dieser Anzahl an Mutationen geändert haben. Hoffentlich zum Guten."

Bisher hatte die WHO vier "besorgniserregende Varianten" identifiziert: Alpha, Beta, Gamma, sowie Delta, die wegen ihrer hohen Übertragbarkeit zur vierten Pandemie-Welle beigetragen hat. Omikron besitzt im Vergleich zum ursprünglichen Sars-CoV-2 aus Wuhan in China die ungewöhnlich hohe Zahl von 32 Aminosäureänderungen allein im Spike-Protein. Darunter befinden sich Mutationen, von denen bekannt ist, dass sie mit einer stärkeren Übertragbarkeit in Verbindung stehen und den Immunschutz durch Impfung oder Genesung umgehen.

"Die 32 Mutationen am Spike konzentrieren sich in den beiden Regionen, an die Virus-neutralisierende Antikörper binden", erklärt Elling. Zwar sei nicht davon auszugehen, dass die Impfungen gegen Sars-CoV-2 gar nicht mehr wirken, da die körpereigenen T-Zellen, die gegen schwere Verläufe schützen, mit einer anderen Stelle des Spike reagieren, die nicht verändert sei. Jedoch fehlen die klinischen Daten. Bekannt ist, dass Omikron in Südafrika auch Genesene befällt.

"Immunfluchtmutante"

Der deutsche Virologe Christian Drosten zeigte Sorge, dass man die erste wirkliche "Immunfluchtmutante" des Coronavirus vor sich habe. Allerdings sei derzeit unbekannt, wie sich die Variante hierzulande verhalte, wo viele Menschen geimpft seien. In Südafrika traf Omikron auf eine Gesellschaft, in der nur 25 Prozent der Menschen geimpft, aber dafür mehr als hierzulande genesen sind. "Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann, ist: Es ist besser, wenn man geimpft ist, und es ist noch besser, wenn man geboostert ist", betonte Drosten im Sender ZDF. Für eine veränderte Krankheitsschwere gebe es derzeit keine Hinweise, noch aber hätten Berichte über milde Verläufe wenig Substanz, hier müsse man die klinischen Daten abwarten.

Zeitungsberichten zufolge könnte die neue Variante mit veränderten Symptomen einhergehen. Diese würden von extremer Müdigkeit über Gliederschmerzen bis zu großer Schwäche reichen, jedoch mit weniger Husten und Fieber einhergehen.

Die überraschend viele Mutationen tragende Coronavirus-Variante Omikron könnte Experten zufolge in einem Patienten mit einer Form der Immunschwäche, etwa HIV, entstanden sein. Das sei denkbar und wahrscheinlich, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI), am Montag zur Deutschen Presseagentur dpa. Viele HIV-Patienten in Afrika würden nicht ausreichend therapiert, weshalb ihr Immunsystem geschwächt sei. "Dabei können immer wieder vereinzelt Mutationen auftreten, die dem Virus einzeln vielleicht keinen Vorteil bringen, sich aber aufgrund der fehlenden Kontrolle durch das Immunsystem weiter vermehren können", erklärte Watzl: In der Kombination brächten sie eventuell einen Vorteil.

So ansteckend wie Masern?

Während Geimpfte das Virus mit ihrem Immunsystem vollständig töten, können Immunsupprimierte, die sich mit Corona infizieren, oft über Monate nicht vollständig genesen. Studien zufolge "findet ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Immunsystem und dem Virus statt", erklärt Elling. "Man geht davon aus, dass das so lange geht, bis das Virus so viele Mutationen angesammelt hat, dass es als neue Variante hochkommt."

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Zahl der asymptomatisch Erkrankten in Südafrika. Ist sie hoch, sind die Symptome milder. "Für Österreich wird die Infektiösität darüber entscheiden, wie sehr man Omikron bremsen kann, und die Symptomatik über die Konsequenzen. Die meisten Experten gehen davon aus, dass der Schritt an Infektiösität größer ist als die Schritte vom Original-Virus zu Alpha und von Alpha zu Delta, im schlimmsten Fall ist Corona-Omikron so ansteckend wie die Masern", sagt Elling. Dann würde ein angepasster Impfstoff, den Pfizer/Biontech in 100 Tagen ausliefern will, wohl zu spät kommen. "Von der Krankheitsschwere wird abhängen, ob es ein Ende mit Schrecken ist", sagt der Molekularbiologe.