Die Nachricht vorweg: In Europa existiert die neue Omikron-Variante des Coronavirus offenbar länger als vermutet. Laut dem niederländischen Institut für öffentliche Gesundheit wurde die Variante in zwei holländischen Testproben von 19. und 23. November gefunden. Südafrika hatte die Entdeckung der neuen Variante mit der wissenschaftlichen Bezeichnung B.1.1.529 am 24. November bekanntgegeben. Zudem waren laut Weltgesundheitsorganisation WHO erste Omikron-Fälle in Nigeria bereits im Oktober aufgetaucht.

Der designierte WHO-Notfallskoordinator für Europa, Gerald Rockenschaub, ging am Mittwoch nicht davon aus, dass sich der Kontinent nachhaltig vor Omikron schützen kann. "Es wird sich nicht zu 100 Prozent aufhalten lassen", sagte der steirische Gesundheitsexperte zur "Austria Presse Agentur". Rockenschaub plädierte jedoch dafür, die wissenschaftlichen Untersuchungen der neuen Variante abzuwarten - es sei noch zu früh für eine Bewertung.

Verlässliche Daten fehlen

Zwei Jahre sind vergangen seit den ersten Berichten über eine mysteriöse Lungenkrankheit in der chinesischen Metropole Wuhan. Mittlerweile stecken Österreich und viele andere Länder in der vierten Corona-Welle - der bisher schlimmsten, gemessen an der Zahl der Infizierten. Und Experten halten noch immer so viele Menschen für empfänglich, dass das Virus weitere Wellen befeuern könnte. Welche Maßnahmen aber bis wann am effektivsten Erleichterung herbeführen können, kann jetzt erst recht niemand sagen. Denn kein noch so leistungsstarker Computer kann verlässliche Szenarien berechnen, wenn grundlegende Daten fehlen und die Ausgangslage sich, insbesondere mit der neuen Variante, täglich ändert.

"Wir kennen wesentliche Parameter von Omikron noch nicht. Um wie viel transmissibler ist sie tatsächlich? Wie viele schwere Verläufe gibt es? Wie effektiv umgeht Omikron den Immunschutz? Erst, wenn wir diese Daten kennen, können wir verlässlich Szenarien für die Zukunft berechnen", sagt Komplexitätsforscher Peter Klimek vom Complexity Science Hub Vienna (CSH) und der Medizinischen Universität Wien.

Dennoch kann er sich ein sinnvolles Vorgehen insbesondere für die nächsten Wochen vorstellen. "Auf der Basis jetzigen Wissens muss man davon ausgehen, dass Omikron die Ausbreitung des Coronavirus in der Zeitskala beschleunigt, weil sie sich leichter zu übertragen scheint. Was wir erreichen können, ist eine Verbreitung zu verzögern und damit Zeit zu erkaufen, um den Immunschutz besser aufzustellen", sagt Klimek zur "Wiener Zeitung". Konkret heiße das, das Vorsorgeprinzip walten zu lassen und verantwortungsvolle Maßnahmen zu treffen, wie etwa strenge Überprüfungen der 2G-Regel, strenge Einreisekontrollen, Reisebeschränkungen und weiterhin Maskenpflicht.

Ersten Schätzungen zufolge breitet Omikron sich fünf Mal so schnell aus wie die ursprüngliche Variante des Coronavirus Sars-CoV-2. "Wir haben jedoch gelernt, dass solche ersten Schätzungen oftmals Überschätzungen sind, weil man bei neuen Varianten alarmiert ist und mehr Fälle findet. Typischerweise werden spätere Schätzungen nach unten korrigiert", erklärt Klimek. "Wenn Omikron tatsächlich schon länger unterwegs ist, aber unter dem Radar blieb, bricht das nämlich die These, dass sie um so viel ansteckender ist. Wäre sie es, hätten wir bereits mehr Wellen gesehen als die in Südafrika." Wiederum auf einem anderen Blatt aber stünde die "alarmierende" Beobachtung, dass Omikron sich in Südafrika gegenüber Delta durchsetzt.

Zusammengefasst: Vieles, aber nicht alles, deutet darauf hin, dass Omikron sich leichter überträgt als Delta und dass die neue Variante ebenfalls zu schweren Verläufen führen kann. "Wenn die Berichte sich bestätigen, kann man nicht verhindern, dass Omikron auch hierzulande Delta verdrängt, sondern nur den Zeitpunkt hinauszögern und zugleich schauen, dass man mit dem Impfen weiterkommt", erklärt Klimek: "Die für Februar geplante Impfpflicht käme dann zu spät, außer, wir wollen bis Februar im harten Lockdown verbleiben." In jedem Fall seien mehr Erst- und Boosterimpfungen nötig, die die effektivsten Waffen gegen Covid-19 seien.

Prozess der Anpassung

Positiv sei immerhin, dass die Impfkampagne Fahrt aufgenommen hat. Sollte Delta im Laufe des Monats dominant bleiben, sei ein Lockdown-Ende nach dem 11. Dezember nicht unrealistisch, die Wirkung der Maßnahmen sollte ankommen, so der Experte. Am Ende des Lockdowns könnte sich eine Neuinfektionslage auf einem halbwegs stabilen Niveau bewegen, das dazu führt, dass zehn Prozent der Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sind. In der Folge komme es darauf an, wie gut weniger strenge Maßnahmen wirken und ob die 2G-Regel tatsächlich umgesetzt wird. Von einer allgemeinen Entspannung sei man "weit entfernt".

Ausrotten lässt sich ein so ansteckender und verbreiteter Erreger wie Sars-CoV-2 laut Fachleuten aller Voraussicht nach nicht. Die Annahme ist, dass das Virus endemisch wird, ohne in einem Ausmaß wie bisher Menschen schwer krank zu machen. Das Immunsystem wird dann nicht mehr mit einem neuartigen Erreger konfrontiert, sondern ist durch frühere Infektion oder Impfung gewappnet, sagte der Präsident des deutschen Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, am Mittwoch. Er spricht von einer Grundimmunität, die aufgebaut werden müsse und epidemische Verläufe im Sinne eines schnellen oder längerfristigen Anstiegs von Infektionszahlen ausbremst. Was seit Pandemiebeginn abläuft, ist im Prinzip ein Prozess der Anpassung. "Wie lange die Anpassung bei Sars-CoV-2 dauern wird, lässt sich jedoch schwer voraussagen", sagt Wieler. Historisch werde das Ende von Pandemien unter anderem an einem Absinken der Sterbezahlen festgemacht.