Wir stehen dem Ende der Pandemie weniger nahe als ihrem Anfang, warnt der britische Infektiologe Jeremy Farrar: "Omikron ist der Beweis, dass wir Covid nicht im Griff haben. Wenn wir weiterhin zulassen, dass das Virus sich in ungeimpften Bevölkerungen verbreitet, könnte die nächste Variante noch tödlicher ausfallen", schreibt der Direktor des Wellcome Trust, die weltweit zweitgrößte Stiftung zur Förderung von medizinischer Forschung, in der britischen Tageszeitung "The Observer".

Seit knapp zwei Wochen ist die neue Corona-Variante B.1.1.529, Omikron genannt, bekannt. Mittlerweile wurde sie in mehr als 20 Ländern bestätigt. Alleine in Südafrika hat sie sich binnen kürzester Zeit fast explosionsartig verbreitet. Schätzungen auf der Basis bisheriger Daten legen nahe, dass Omikron drei bis sechs Mal so ansteckend sein könnte wie die derzeit vorherrschende Delta-Variante. "Wenn wir ähnliche Entwicklungen auch in anderen Ländern sehen, wäre das ein starker Hinweis, dass Omikron sich leichter überträgt", wird der Epidemiologe Christian Althaus von der Universität Bern in einem Überblicksartikel im Fachmagazin "Nature" zitiert. Hinzu käme eine gewisse Fähigkeit, den Immunschutz zu umgehen.

Rund ein Viertel der Menschen in Südafrika ist vollständig gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 geimpft. Höhere Sterberaten seit Beginn der Pandemie erlauben den Schluss, dass zahlreiche Menschen sich bereits in früheren Wellen infiziert hatten. "Omikrons Erfolg in Südafrika könnte auf seine Fähigkeit zurückzuführen sein, von Genesene von Delta und anderen Varianten sowie Geimpfte zu infizieren", erklärt Althaus. Laut dem Nationalen Institut für Infektionskrankheiten (NICD) in Johannesburg steige die Zahl der Neuinfektionen mit Sars-CoV-2, seit Omikron kursiert. "Leider ist dies das perfekte Umfeld zur Entstehung von Varianten, die den Immunschutz umgehen", so der Epidemiologe.

Weltweite Zusammenarbeit

"Vor etwa zwei Jahren haben wir erstmals von Covid-19 gehört und vor etwa einem Jahr gab es die erste Impfung. Doch dieser atemberaubende Fortschritt wird vergeudet, denn wir treiben momentan irgendwie so dahin", betont Farrar. "Reiche Länder haben einen engstirnigen Fokus aufs Inland und lassen sich zu dem Glauben verführen, dass das Schlimmste überstanden sei. Die neue Variante ruft in Erinnerung, dass wir dem Anfang der Pandemie näher bleiben, als wir uns ihrem Ende nähern."

Sir Jeremy Farrer trat im Oktober aus dem Corona-Expertengremium der britischen Regierung aus, nachdem seine "vaccine plus"-Strategie nicht angenommen worden war. Zusätzlich zur Impfung hatte er Maßnahmen wie Maskentragen und verstärkte Belüftung in Innenräumen, Abstand halten und Testen gefordert, damit Großbritannien besser durch den Winter käme.

FFP2-Masken bieten einen hohen Schutz vor einer Corona-Infektion, zeigte am Montag auch eine Studie des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation im deutschen Göttingen. Wenn sich ein infizierter und ein gesunder Mensch in einem Innenraum auf kurzer Distanz begegnen, liegt die Ansteckungsgefahr demnach selbst nach 20 Minuten bei gut einem Promill - wenn die Maske korrekt sitzt, sprich der Bügel auf die Nasenflügel drückt. Bei schlecht sitzenden FFP2-Masken liege das Infektionsrisiko im gleichen Szenario dagegen bei rund vier Prozent.

Ob Omikron tatsächlich Vakzine und vielleicht sogar Medikamente umgeht, muss sich weisen. Farrar zeigt sich "vorsichtig optimistisch", dass derzeitige Impfungen weiterhin vor schwerer Erkrankung schützen. "Doch bei der nächsten Variante ist das vielleicht nicht mehr der Fall. Je länger sich dieses Virus in größtenteils ungeimpften Bevölkerungen verbreitet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann eine Variante entsteht, die alle Impfungen umgeht und gegen Therapien resistent ist. Und wenn das passiert, müssen wir vorn vorne anfangen." Ohne weltweite Zusammenarbeit ließe sich dabei nichts erreichen.

Wahrscheinlich werden in nächster Zukunft übrigens zwei Covid-19-Medikamente in Tablettenform in der EU zugelassen und erhältlich werden. "Das kann aber keine Entschuldigung dafür sein, sich nicht impfen zu lassen", betont der Wiener Infektiologe Florian Thalhammer von der Medizinuniversität Wien. In Großbritannien wurde kürzlich der Wirkstoff Molnupiravir zur Behandlung von Covid-19 zugelassen. Dieses Mittel werde wohl auch das erste derartige in der EU sein. In der Folge sei mit der Virus-Protease-Kombination PF-07321332/Ritonavir, das ebenfalls oral einzunehmen ist, zu rechnen.