Vier Mal so infektiös und den Immunschutz zum Teil umgehend, jedoch mit leichteren Krankheitsverläufen einhergehend: Die Omikron-Variante des Coronavirus stellt nicht nur den Pandemieverlauf, sondern auch die Seuchenbekämpfung auf den Kopf. "Omikron schreibt die Spielregeln für den Umgang mit der Pandemie neu", schreibt der Complexity Science Hub (CSH) Wien in einem "Policy Brief", der sich als Strategiepapier für Omikron versteht.

In den USA gab es zuletzt eine Million Neuinfektionen und auch in anderen Ländern sind die Ansteckungsraten exorbitant. Für Österreich rechnet der CSH damit, dass das bisherige Infektionsgeschehen schon in den kommenden Wochen Rekorde erreichen wird. Mit 5.496 Neuinfektionen hat die seit Dezember auch in Österreich dominante Variante Omikron für mehr als eine Verdoppelung der Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche gesorgt. Vergangenen Dienstag waren es noch 2.416 Neuansteckungen gewesen bei einer PCR-Test-Positivrate von 0,1 Prozent der 1,96 Millionen Tests. Über die Weihnachtsfeiertage waren es nur 365.000 Tests, die aber eine Positivrate von 1,5 Prozent aufwiesen.

Was ist angesichts der steigenden Infektionszahlen als Nächstes zu tun? Einen weiteren harten Lockdown zu verordnen, eine Mischung aus moderaten, dafür zahlreichen Maßnahmen zu setzen - oder einen Paradigmenwechsel vorzunehmen, bei dem der Staat bei der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger auf Eigenverantwortung setzt?

Eines vorweg: "Niemand sagt, dass Omikron die letzte Variante sein wird. Denn wir wissen, dass sobald eine Mutation durchgerauscht ist, neue entstehen, die den Immunschutz noch ein Stück weiter umgehen. Damit sind wir jetzt in einer neuen Phase der Pandemie", sagt Komplexitätsforscher Peter Klimek zur "Wiener Zeitung". Freilich werde die besonders ansteckende Variante Omikron aber zu einer beschleunigten Durchseuchung in der Bevölkerung führen, was deren Immunität gegen Sars-CoV-2 steigern könnte.

Zeitfenster schließt sich

Klimek und CSH-Leiter Stefan Thurner betonen im Policy Brief, dass sich das Zeitfenster, in dem man hätte versuchen können, die sich aufbauende Omikron-Welle einzudämmen, schließe. Er schlägt eine strategische Umkehr in der Bekämpfung der Pandemie vor und plädiert für eine Abkehr von der bisherigen Maßnahmenverschärfung, sobald das Land sich den Kapazitätsgrenzen in Intensivstationen nähert. "Wenn wir weiterhin ausschließlich auf die Auslastungsgrenzen in Intensivstationen schauen, kann es sein, dass uns die Omikron-Welle davonläuft", sagt Klimek. "Diese Welle kommt viel schneller als jene davor." Vorbild sei Großbritannien, das Land in Europa, in dem Omikron sich als Erstes ausbreitete. Hier würden die Infektionszahlen bei Menschen unter 60 Jahren, die mehr Kontakte haben als Ältere, bereits sinken. "Die Zahl der Ansteckungen bei über 60-Jährigen steigt hingegen stark an." Die neue Corona-Infektionswelle komme somit bei den Älteren erst an, wenn sie durch einen Großteil der Bevölkerung bereits durchgelaufen ist. "Das heißt, dass die Zahl der Intensiv-Aufenthalte erst später ansteigen könnte. Wenn die Gesellschaft erst dann handelt, könnte das weitaus zu spät sein", sagt der Komplexitätsforscher. Er plädiert für "pro-aktives Handeln. Dazu müssen wir bald definieren, wie man das macht, sonst läuft uns die Welle davon, während die Kapazitätsgrenzen verrutschen."

Bisher drei Strategien

Bisher gab es laut dem Papier drei Strategien. Erstens wurde durch extrem harte Maßnahmen, wie etwa in China, versucht, Infektionswellen zu verhindern. Zweitens war man, wie etwa in Österreich, bemüht, Infektionskurven abzuflachen, indem dann hart eingegriffen wurde, wenn die Kapazitätsgrenzen in den Intensivstationen bedroht waren. "Bei Omikron müssten wir aber neu definieren, wo diese Kapazitätsgrenzen liegen und wann Handlungsbedarf besteht", betont der CSH-Forscher.

Eine dritte "Strategie" würde derzeit eben in England und Dänemark ausprobiert, wo man zunächst beobachtet, wie Omikron in den Spitälern aufschlägt. Klimek bezeichnet diese Herangehensweise als "englisches Roulette", da niemand weiß, ob irgendwann durch die exponentielle Übertragungsrate die Spitäler an den Rande des Kollapses gelangen. Denn die neue Variante mag zwar leichter verlaufen, ist jedoch infektiöser, womit die Zahl der schweren Verläufe rein rechnerisch eigentlich letztlich nicht sinken kann. Zudem sei schon allein, wenn etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung sich infizieren, bevor sich die Welle verlangsamt, mit Personalausfällen in dieser Größenordnung im Gesundheitssystem und in anderen kritischen Infrastrukturen zu rechnen.

Klimek empfiehlt eine kombinierte Strategie "aus pharmazeutischen und nicht-pharmazeutischen Maßnahmen". Das heißt: "Bevor man nicht wirklich Entwarnung geben kann, dass die Zahl der milden Verläufe so hoch ist, dass man die Pandemie nicht mehr so stark bremsen muss, muss man ambitionierte Ziele für Booster-Impfungen vorgeben und alle Hebel in Bewegung setzen, um diese zu erreichen. Parallel muss man Maßnahmen setzen, um Zeit für die Verabreichung der Booster zu gewinnen."

Konkret seien wieder Kontaktbeschränkungen für alle mit Homeoffice und Beschränkungen für Treffen am Abend und Großveranstaltungen zu verordnen, um die Infektionskurve abzubremsen. In dieser Zeit müssten mindestens 50 Prozent der Bevölkerung den dritten Stich bekommen. (Derzeit sind in Österreich rund 40 Prozent geboostert.) "Geboosterte sind vor einer Hospitalisierung zu 90 Prozent und zwei Mal Geimpfte zu 50 Prozent geschützt", sagt Klimek: Mehr Stiche würden die Pandemie zwar vielleicht noch nicht beenden, könnten jedoch unser Land vor einem neuerlichen pandemischen Schrecken bewahren.