Mehr als 4 Millionen Menschen in Österreich haben seit Frühling 2020 eine Covid-Erkrankung durchgemacht. Offiziell, die Dunkelziffer liegt darüber. Knapp 20.000 Personen sind wegen dieser erst vor zwei Jahren aufgetauchten Krankheit gestorben. Für Langzeitfolgen gibt es keine solche Daten. Was man weiß: Covid kann sehr zäh sein, das Virus kann organische Schäden verursachen, und es kann vielfältige, bleibende Symptome hervorrufen. Gesundheitsministerium und Ärzteschaft bereiten sich für Long-Covid vor. Sie wissen aber noch nicht genau worauf.

Im dritten Jahr der Pandemie gibt es zu Long-Covid zwar viel wissenschaftliche Literatur, aber dennoch kaum Klarheit. Denn was alles ist ein Symptom? Und was bedeutet lang? Die Studiendesigns sind uneinheitlich, umso größer ist die Bandbreite der möglicherweise davon betroffenen Personen. Das geht sogar in einigen Arbeiten bis 30 bis 40 Prozent aller Infizierter. Die Allgemeinmedizinerin Susanne Rabady hält das für deutlich zu hoch. Rabady ist Präsidentin der Fachvertretung Ögam und Leiterin der Abteilung für Allgemeine Gesundheitsstudien an der Karl Landsteiner Privatuniversität, die einen Online-Werkzeugkasten zum Thema Long-Covid entwickelt hat.

Lückenhafte Daten


Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung diverser Informationen, vor allem natürlich medizinischer, aber auch arbeitsrechtlicher, für Hausärztinnen und Hausärzte. In der Regel sind sie die erste Anlaufstelle für Betroffene. Auf der Website werden auch Daten der Gesundheitskasse erwähnt. Demnach gab es bisher 55.000 dokumentierte Krankenstände wegen Long-Covid. Die durchschnittlichen Dauer dieser Krankenstände ist nur wenige Wochen, 128 Erkrankte sind aber bereits über 26 Wochen im Krankenstand, in 26 Fällen dauern die Krankenstände bereits über ein Jahr.

Auch diese Daten der Versicherung sind lückenhaft. Erstens umfassen sie nur Erwerbstätige, zweitens gibt es keine verpflichtende und standardisierte Diagnoseerfassung im niedergelassenen Bereich. Es ist also von einer Untererfassung auszugehen. Doch wirklich schwere und bleibende Formen von Long-Covid, die mit einer vielleicht sogar dauerhaften Arbeitsunfähigkeit einhergehen, dürften die absolute Ausnahme sein. "Die meisten haben eine gute Prognose", sagt Rabady. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht: Es ist oft schwierig, Betroffene richtig zu diagnostizieren. Mit mehreren Arztbesuchen muss gerechnet werden. Das Online-Tool soll in einem ersten Schritt die Hausärzte anleiten und die Qualität der Betreuung und Diagnostik verbessern. "Es sind meist mehrdeutige Symptome", sagt Rabady. Das kann extreme Müdigkeit sein, die sogenannte Fatigue, sowie eine regelrechte Belastungsunverträglichkeit. "Die Leute crashen regelrecht, wenn sie sich belasten." Aber das sind nur zwei Formen von einem ganzen Bouquet von möglichen Symptomen, für die es oft auch ganz andere Ursachen geben kann.

Behandlung schwer möglich


Ärztekammer-Präsident in spe, Johannes Steinhart, sieht in der Notwendigkeit einer komplexen Differentialdiagnostik ein Ressourcenproblem im niedergelassenen Kassenbereich. Man hat dort nicht eine Stunde Zeit für den geplagten Patienten. Steinhart sprach in einem Pressgespräch im Gesundheitsministerium davon, spezialisierte "Center aufbauen" zu wollen. Das werden, vor allem auf die Schnelle, aber keine physischen Ärztezentren sein, sondern, wie Rabady einschränkt, eher Listen von Medizinerinnen und Medizinern, die sich in diese neue Thematik bereits eingearbeitet haben, quasi Fachärzte für Long-Covid, auch wenn es noch keine Ausbildung gibt.

Ziel ist es, dass Betroffene möglichst rasch und richtig diagnostiziert und nicht im Kreis geschickt werden. Das war bisher nicht nur bei Covid-Rekonvaleszenten der Fall, sondern postvirale Symptome sind auch von anderen Erregern bekannt. Eine Heilung durch Medikamente oder Behandlungen können aber auch Spezialisten in der Regel nicht herbeiführen. "Was man tun kann, ist begrenzt", sagt Rabady. "Es geht darum, ein Konzept zu entwickeln, um über diese Zeit zu kommen." Meistens legen sich die Symptome wieder. Aber wenn über Wochen keine Arbeitsfähigkeit gegeben ist, schlägt sich das bei vielen auch auf die Psyche nieder. Umso wichtiger ist daher, mehr Wissen zu sammeln, um Perspektiven geben zu können. Das Thema Long-Covid werde in die Herbstplanung einfließen, sagte Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne). Ihm ging es bei dem Termin vor allem darum, zu zeigen, dass sich das Ministerium diesem Thema intensiv widmet. Im Herbst ist auch ein Symposium geplant.