In der Mamprobi-Klinik in Ghanas Hauptstadt Accra herrscht reger Betrieb. Es ist laut, Kinder klettern über ihre Mütter, während sie auf ihre Masernimpfung warten. In einem für Corona-Impfungen reservierten Bereich draußen herrscht dagegen gähnende Leere. Eine Frau, die darauf wartet, dass ihre Tochter geimpft wird, ist sich des Risikos durchaus bewusst, das die Masern mit sich bringen. Aber Covid-19? Sie hat noch von keinem einzigen Fall gehört.

Die Haltung, dass Corona keine große Bedrohung darstellt, ist nicht nur in Accra weit verbreitet, sondern vielerorts in Afrika. Denn dank der extrem jungen Bevölkerung sind hier im Verhältnis deutlich weniger Menschen gestorben als etwa in Europa oder in den USA, wo das Virus in den vergangenen zweieinhalb Jahren vor allem ältere Menschen dahingerafft hat.

Laut der panafrikanischen Gesundheitsorganisation Africa CDC wurden in Afrika seit dem Beginn der Pandemie bisher 11,4 Millionen Corona-Neuinfektionen und rund 252.000 Todesfälle gezählt. In Europa und den USA, wo es nur knapp ein Drittel beziehungsweise ein Fünftel der Einwohner gibt, waren dagegen 1,5 Millionen und eine Million Corona-Tote zu beklagen. Für 2022 rechnet die Weltgesundheitsorganisation WHO wegen der milderen Omikron-Variante zudem mit einem weiteren massiven Rückgang der Sterblichkeit. Für den Fall dass die aktuellen Varianten und die Übertragungsdynamik konstant blieben, seien bis Ende dieses Jahres etwa 23.000 Corona-bedingte Todesfälle zu erwarten, sagt Matshidiso Moeti, die WHO-Regionaldirektorin für Afrika. Allerdings bleibe die Dunkelziffer von Corona-Fällen weiterhin hoch. Lediglich eine von 71 Corona-Erkrankungen werde in Afrika gemeldet.

Genug Dosen, wenig Andrang

Geimpft sind derzeit allerdings nur 17 Prozent der Afrikaner. Denn die Impfdosen kommen jetzt, da der Bedarf in vielen Industrienationen gesättigt ist, zwar auch in Afrika im großen Stil an, gleichzeitig nimmt aber die Nachfrage in der Bevölkerung dramatisch ab. So verzeichnete die WHO bei der Zahl der Impfungen im Februar 2022 noch einen Anstieg von 23 Prozent, im März gab es aber bereits einen Einbruch von 35 Prozent.

Mitschuld an der Impfskepsis in Afrika sind ähnliche Entwicklungen, wie sie auch in Europa und den USA zu beobachten sind. Falschinformationen über Wirksamkeit und Gefahren der Impfung haben sich - auch hier angefeuert von den Sozialen Medien - im vergangenen Jahr immer stärker festgesetzt, staatliche Institutionen haben in Afrika aufgrund fehlender Ressourcen aber noch weniger dagegenhalten können.

Dass Impfstationen heute leerstehen und sich Millionen unbenutzter Fläschchen stapeln, hat aber vor allem damit zu tun, dass Corona in Afrika derzeit bei weitem nicht das größte Problem ist. Millionen erkranken jedes Jahr an Tuberkulose, an Malaria sterben jährlich Hunderttausende, meist Kinder unter fünf Jahren. In der Kongo taucht zudem regelmäßig Ebola auf. Und in Westafrika herrscht derzeit eine der schlimmsten Nahrungsmittelkrisen aller Zeiten, ausgelöst durch Konflikte, Dürre und die Folgen des Krieges in der Ukraine für die Lebensmittelpreise.(rs/dpa)