Die Debatte um eine neue Quarantäne-Regelung hat Potenzial für eine weitere Vertiefung der Polarisierung von Gesellschaft und Politik in Corona-Fragen. Zumindest deuten die ersten Reaktionen darauf hin. Gesundheitsminister Johannes Rauch war am Freitag vorsorglich um Beruhigung bemüht. "Ich würde Sie bitten, uns in Ruhe arbeiten zu lassen."

Bei dem Thema ist es aber jedenfalls zielführend, sich ausführlich Theorie und Praxis zu widmen. Denn davon hängen auch Wirkung und mögliche unerwünschte Wirkungen ab. Was unstrittig ist: Die Rahmenbedingungen haben sich geändert, und einige Länder in Europa wie Dänemark, Schweden oder Spanien haben sich von dieser Maßnahme bereits verabschiedet.

Die behördliche Absonderung von Infizierten und ihren Kontaktpersonen war eine der allerersten Maßnahmen. Anfangs hoffte man noch, allein mit dieser epidemiologischen Intervention eine Ausbreitung des Virus verhindern zu können. Bekanntlich gelang das nicht. Erst spätere Untersuchungen der Dunkelziffer durch Antikörperstudien zeigten, dass ein erheblicher Teil der Infizierte gar nicht gefunden wird.

Daten aus Deutschland deuten darauf hin, dass dieser Anteil gewachsen sein könnte. Denn im März wurden dort doppelt so viele Infektionen registriert wie derzeit, bei der Krankenhausbelegung fällt der Unterschied aber bedeutend geringer aus. Aktuell sind etwas mehr als 14.000 Corona-Infizierte in Deutschland im Spital, in der Hochphase im März waren es 18.000. Da in den Krankenhäusern alle Patienten getestet werden, ist das Ergebnis stabiler als bei den Gesamtfällen.

Gibt es eine Flucht
vor der Absonderung?

Für den Unterschied zum März kann es unterschiedliche Ursachen geben: Bei älteren Personen, die im Winter ihre dritte Impfung erhielten, wird der Schutz im März höher gewesen sein. Die neue Variante BA.5 könnte doch wieder die Lunge etwas mehr angreifen. Aber auch die Testpraxis der Menschen könnte sich verändert haben. "Dieser Effekt ist plausibel", sagt der Komplexitätsforscher Peter Klimek. Allerdings kann nur darüber spekuliert werden, ob es primär Bequemlichkeit ist, gar keinen oder nur privat einen Antigentest vorzunehmen. Oder ob die Flucht aus einer drohenden Quarantäne ein Motiv ist.

Harte Daten gibt es dafür nicht, nur sehr weiche anekdotische Evidenzen. Das Austrian Corona Panel der Uni Wien hätte sich theoretisch dieser wichtigen Frage für die Pandemiesteuerung widmen können, doch die Finanzierung dieser Befragungen ist ausgelaufen. So können die Behörden nur Vermutungen anstellen - und tun es auch. Klar ist, dass die behördliche Absonderung für manche Gruppen eine größere Belastung darstellt als für andere, zum Beispiel für Mehrkind-Familien (Kinderbetreuung) oder Personen in schlechten Wohnverhältnissen.

Wer sich bei Symptomen nicht (offiziell) testet, muss nicht notwendigerweise andere gefährden. Die Vorstellung, dass ein Ende der Quarantäne dazu führt, dass alle Infizierten ausschwärmen, ist wenig realistisch. Man kann sich, wie bei anderen Erkrankungen, auch ohne behördliche Verpflichtung daheim im Bett auskurieren. Die allermeisten werden das tun, zumal es Erkrankten in der Regel schlecht geht. "Wenn man aber die Quarantäne aufhebt, wird es sicher mehr Ansteckungen geben", sagt Klimek. Quantifizieren könne man das nicht. Auch hier spielen wieder Theorie und Praxis eine Rolle. Wie reagieren die Menschen auf dieses Signal?

Was sicher ist: Die Maßnahme hat insgesamt an Wirksamkeit verloren. Zwar hat die Absonderung, wie erwähnt, das Virus nie ausreichend eindämmen können, wohl aber hatte diese Maßnahme ("Containment") einen bremsenden Effekt. Das wurde auch hinreichend beforscht. Doch eine Voraussetzung stellen sehr niedrige Fallzahlen dar, damit das Contact Tracing funktioniert. Das ist aber unrealistisch geworden.

Kontaktpersonen werden nicht mehr isoliert

Ein weiterer Punkt: Geimpfte und Genesene werden schon länger nicht mehr abgesondert als Kontaktpersonen, obwohl für sie das Risiko einer Ansteckung nach einigen Monaten auch nicht viel geringer ist. Und auch das "schneller" gewordene Virus trägt seines dazu bei, dass die Maßnahme weniger wirksam ist als früher.

Sich bei Erkrankungen Tests zu entziehen, würde nicht nur die Wirksamkeit noch weiter reduzieren, sondern könnte auch einen zweiten negativen Effekt haben. Denn während eine Selbstdiagnose früher wenig Unterschied machte, ist dies mit der Verfügbarkeit von antiviralen Medikamenten anders. Wer sich nur von Dr. Google diagnostizieren lässt, erhält auch keinen Zugang zu Medikamenten wie Paxlovid. Doch das muss früh, bei den ersten und meist noch milden Symptomen eingenommen werden, um wirksam vor schweren Verläufen von Covid-19 bewahren zu können.

Da eine möglichst geringe Belastung der Spitäler das (derzeit) übergeordnete Ziel in der Pandemiesteuerung ist, muss dieser Aspekt beachtet werden. Doch auch hier ist relevant, wie die Praxis aussieht. Betrifft das wirklich viele Personen? Und würden diese bei einem Quarantäne-Aus dann auch tatsächlich ihre Ärzte zwecks Diagnose aufsuchen?

Krank in die Arbeit war
in Österreich üblich

Es ist darstellbar, dass die Quarantäneregeln in der Realität nicht mehr sehr effektiv sein könnten. Allerdings fehlen dafür noch wichtige Daten und Informationen. Bestätigt es sich aber, würde das auch bedeuten, dass eine Abschaffung keine Katastrophe wäre. Und irgendwann wird es jedenfalls so weit kommen. Aber auch das ist nur die Theorie.

Käme das Aus, würde es (vorerst) nur Symptomlose betreffen. Doch das ist schwer zu kontrollieren. Und vor der Pandemie war es hierzulande durchaus üblich, in die Arbeit zu gehen, wenn man ein bisschen krank ist. Manchmal sogar, wenn man sich sehr schlecht fühlte. Es gibt sicher eine gewisse Gefahr, dass das Ende der behördlichen Absonderung dahin gehend missverstanden wird. Eine klare Kommunikation (auch innerhalb der Betriebe) wäre jedenfalls notwendig.

Überlegt wird, die Quarantäne durch gewisse Beschränkungen zu ersetzen. Infizierte dürften also raus, sogar ins Büro, aber mit strikter Maskenpflicht. Und auch hier müssen Theorie und Praxis beachtet werden. So wundert sich etwa Peter Klimek: "Wenn es sonst keine Maskenpflicht gibt, sind dann alle mit Maske draußen als Infizierte stigmatisiert."