Atemnot und chronischer Husten, schlechtes Gedächtnis und Konzentrationsstörungen, Müdigkeit und motorische Einschränkungen: Sie alle zählen zu den am häufigsten genannten Symptomen bei Long Covid. Mindestens 17 Millionen Menschen in Europa litten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) allein in den ersten zwei Jahren der Pandemie nach einer Infektion mit Covid-19 an solchen Langzeitfolgen. Laut einem Factsheet der Gesundheit Österreich GmbH mussten hierzulande bis Ende Juli 4.593 Patientinnen und Patienten deswegen im Spital behandelt werden. Und laut einer in den Niederlanden durchgeführten Studie, die in der Fachzeitschrift "The Lancet" erschienen ist, leidet sogar jeder achte Corona-Infizierte an mindestens einem Long Covid-Symptom.

Zu den Ursachen rätselt die Wissenschaft. Zahlreiche Studien liefern unterschiedliche Erklärungsansätze. So weit gut abgesichert scheint die Erkenntnis, dass Frauen, 50- bis 60-Jährige und Menschen, die schon vor ihrer Covid-Infektion einen schlechteren Gesundheitszustand hatten, häufiger an den Langzeitfolgen leiden.

Eine neue Begründung liefert ein kanadisches Forschungsteam: Long-Covid-Patienten zeigen im Blut Anzeichen einer Autoimmunerkrankung. Laut den Forschenden bilden sich Antikörper, die gegen das eigene Gewebe gerichtet sind. Das Immunsystem ist somit aggressiv gegen das eigene Gewebe und die entstehenden Entzündungsreaktionen lösen Erschöpfungszustände und Probleme mit den Atemwegen aus. Das berichten Manali Mukherjee von der McMaster Universität in Ontario und Chris Carlsten von der Universität British Columbia in Vancouver im "European Respiratory Journal".

Die Wissenschafter hatten 106 Personen, die zwischen August 2020 und September 2021 an Covid-19 erkrankt waren, in ihre Untersuchung aufgenommen. Hinzu kamen 22 gesunde Probanden und 34 Personen, die an einer anderen Infektion der Atemwege gelitten hatten. Die Teilnehmenden wurden nach drei, sechs und zwölf Monaten eingehend befragt und untersucht. Ihr Blut wurde auf Autoantikörper - also Antikörper, die sich gegen eigenes Gewebe wenden - untersucht.

Normalisierung erst nach einem Jahr

Das Ergebnis: 80 Prozent der untersuchten Covid-19-Patienten wiesen drei und sechs Monate nach der Erkrankung zwei oder mehr solcher Antikörper im Blut auf. Erst nach einem Jahr ging dieser Anteil auf 41 Prozent zurück. In den beiden Kontrollgruppen gab es hingegen kaum bis keine Hinweise auf eine derartige Immunreaktion. Die kanadischen Wissenschafter gehen davon aus, dass Autoantikörper, wie sie bei zumindest 30 Prozent der Patienten nach Covid-19 festgestellt wurden, zu einer chronischen Entzündungsreaktion mit Erschöpfungszuständen und Problemen mit den Atemwegen führen können. In diesem Zusammenhang führen sie im Speziellen zwei Autoantikörper namens U1snRNP and Ssb-La sowie bestimmte Immunbotenstoffe an.

"Unsere Daten deuten auf die Entstehung von Autoantikörpern und auf Long Covid als systemische Erkrankung hin", wird Carlsten in einer Aussendung zur Studie zitiert. Dies rücke Long Covid auch in die Nähe von rheumatischen Erkrankungen, die ebenfalls auf Autoimmunprozessen beruhen. "Obwohl Long Covid von der WHO als Krankheitsbild anerkannt wird, wissen wir wenig über dessen Ursachen und darüber, wie wir den Patienten helfen können", sagte Mukherjee.

Grundlegend benötigt das Immunsystem durchaus seine Zeit, um nach Covid wieder normal zu funktionieren. Durch eine Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 gerate es "völlig durcheinander", hatte die deutsche Immunologin Christine Falk in einem früheren Interview mit der "Wiener Zeitung" erklärt: "Selbst bei Rekonvaleszenten stimmen die Verhältnisse zwischen T- und B-Lymphozyten der adaptiven Immunabwehr noch nicht, eine völlige Normalisierung scheint teilweise Monate zu dauern. Das Virus ist dann zwar weder im Nasen-Rachen-Raum noch im Blut nachweisbar, aber trotzdem ist vieles anders." Das Coronavirus stifte Chaos im Immunsystem.

Einer anderen Ursachen-Hypothese zufolge könnten kleine Blutgerinnsel, die sich über viele Wochen nicht auflösen, die Blutversorgung lebenswichtiger Organe stören. Das Ergebnis sei jene bizarre Konstellation von Symptomen, über die Long-Covid-Patienten klagen, meinen Etheresia Pretorius, Physiologin an der Stellenbosch University in Südafrika, und Douglas Kell, Systembiologe der britischen Universität Liverpool. Laut einem Bericht im Fachmagazin "Nature" ist die Datenlage zu dieser hierzu allerdings noch dünn und müsse durch weitere Untersuchungen bestätigt werden.

Chronische Erschöpfung besonders häufig

Weiters kommt laut einer Studie der Berliner Charité und der Uniklinik Schleswig-Holstein vor allem das Symptom chronische Erschöpfung nach Corona mehr als doppelt so häufig vor wie angenommen. Ehemals Infizierte leiden deutlich häufiger daran als jene, die keinen Kontakt zu dem Virus hatten. Das Team um Carsten Finke von der Klinik für Neurologie der Charité wertete Daten von rund 1.000 Patienten aus, deren Infektion mindestens sechs Monate zurücklag, und verglich diese mit einer Gruppe von rund 1.000 Menschen ohne vorangegangene Infektion, deren Daten für eine Bevölkerungsstudie der Uni Leipzig vor der Pandemie zusammengetragen worden waren.

Fast ein Fünftel der zuvor Corona-Infizierten wies relevante Symptome für chronisches Erschöpfungssyndrom auf, im Gegensatz zu nur acht Prozent in der Vergleichsgruppe. Chronische Erschöpfung kommt demnach auch Monate nach einer Infektion mehr als doppelt so häufig vor wie in der gesunden Allgemeinbevölkerung. Besonders betroffen sind jüngere Frauen zwischen 18 und 24 Jahren. Geistige Beeinträchtigungen wurden hingegen eher bei Männern ab 55 Jahren beobachtet.(est/apa/dpa)