Als das Coronavirus Ende Februar 2020 erstmals in Österreich nachgewiesen wurde, war Covid-19 offiziell noch gar keine Pandemie. Erst am 11. März rief die Weltgesundheitsagentur WHO die Pandemie aus. In dieser allerersten Phase waren weltweit Regierungen sehr plötzlich mit einer völlig neuen Situation konfrontiert, und erst nach und nach sickerte ein, mit welchen vielgesichtigen Risiken die Gesellschaften dadurch konfrontiert sind, sowohl auf individueller Ebene durch die Erkrankung selbst als auch für die Allgemeinheit. Die allerwenigsten hatten damals eine konkrete Vorstellung, was da auf Land und Leute zukommt.

Nach zweieinhalb Jahren ist Routine eingekehrt, auch wenn über die Einordnung der epidemiologischen Lage und über politische Fragen rund um Covid nach wie vor heftig gestritten wird. Gerade aktuell über die Maskenpflicht, die Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) vorerst doch nicht wieder einführen will, da sich das Infektionsgeschehen diese Woche merkbar eingebremst hat. Ohne Zweifel hat sich aber seit Februar 2020 viel verändert. Was waren die großen Herausforderungen der ersten Welle und wo stehen wir heute? Wie haben sich die diversen Risiken im Laufe der Zeit entwickelt? Welche Probleme, die diese neue Weltlage verursachte, wurden gelöst? Der Versuch einer Verortung.

Wenig Wissen, kaum gesicherte Evidenz

Kaum etwas vergisst man schneller als das Nichtwissen. Doch in der ersten Phase der Pandemie war es besonders stark ausgeprägt, es gab nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Überall agierte die Politik auf Basis schwacher Evidenz und starker Vermutungen. Doch es war alternativlos. Großbritannien, wo Premierminister Boris Johnson der Unsicherheit mit Abwarten begegnete, registrierte in der ersten Welle pro Kopf fast zehn Mal so viele Covid-Tote wie Österreich.

Dieses Nichtwissen der ersten Phase der Pandemie barg ein enormes Risiko, sowohl für die Bevölkerung, die in Sachen Infektionsschutz und Risikobewusstsein völlig ungeschult war, als auch für die Allgemeinheit. In der Lombardei traf etwa die Regionalregierung die verheerende Entscheidung, vermeintlich leichte Covid-Fälle in Altenheimen zu isolieren. Rund 3.000 Tote in solchen Einrichtungen waren die Folge. Fehlschlüsse der Behörden sind auch bei den Geschehnissen in Ischgl und St. Anton gut dokumentiert.

In Bergamo starben viele Menschen aufgrund Fehlentscheidung der Regionalregierung. 
- © apa / afp / Piero Cruciatti

In Bergamo starben viele Menschen aufgrund Fehlentscheidung der Regionalregierung.

- © apa / afp / Piero Cruciatti

Zweieinhalb Jahre ist in der Forschung zwar eine sehr kurze Zeitspanne, dennoch stellt das Nichtwissen heute nur mehr ein geringes Risiko dar. Fast 300.000 Studien sind weltweit publiziert worden, das sind fast 300 pro Tag. "Die Pandemie hat uns aber auch gezeigt, wie wichtig Wissensmanagement ist", sagt der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems. "Man braucht auch Systeme, um das alles zu kondensieren." Die wissenschaftliche Qualitätssicherung kommt bei diesem Publikationstempo nicht mit.

Bisher wurden zwar nur 265 Studien tatsächlich zurückgezogen, doch in der nicht-wissenschaftlichen Debatte grassieren viele Fehlinterpretation sowie Überbewertungen von nicht begutachteten und/oder sehr kleinen Arbeiten. "Davon gibt es Unmengen", sagt Gartlehner. Sie haben im großen Orchester der Forschung ihre Berechtigung, können Hypothesen aufstellen, denen dann in größeren Untersuchungen nachgegangen werden kann und die vielleicht auch falsifiziert werden. Sie taugen aber nicht als die Evidenz.

Manchmal werden diese Fehldeutungen auch manipulativ eingesetzt. Das ist, wenn man so will, ein neues gesellschaftliches Risiko. Man denke etwa an die Vergiftungen durch das Wurmmittel Ivermectin, als dieses auf Basis fehlgedeuteter Studien als Ersatz zur Impfung propagiert wurde. Die entsprechenden Papers gehören übrigens zu jenen, die zurückgezogen wurden.

Die Ivermectin-Episode hat auch wieder ein Schlaglicht auf die Gesundheitskompetenz innerhalb der Bevölkerung geworfen. Österreich schneidet im europäischen Vergleich dahingehend eher schlecht ab. Und auch das ist ein Risiko. Es macht Land und Leute in einer Pandemie weniger resilient, wenn grundsätzlich verfügbares Wissen fehlgedeutet oder nicht angewandt wird und dadurch die eigene Risikowahrnehmung mangelhaft ist. Darauf deuten zum Beispiel auch die erheblichen Impflücken bei sehr Betagten hin.

Fehldeutungen von Studien zu Ivermectin samt dessen Propagierung als Alternative zur Impfung sorgte für etliche Vergiftungen. 
- © apa / afp / Luis Robayo

Fehldeutungen von Studien zu Ivermectin samt dessen Propagierung als Alternative zur Impfung sorgte für etliche Vergiftungen.

- © apa / afp / Luis Robayo

Anders als in der Frühphase der Pandemie haben mittlerweile fast alle Länder Systeme zur Überwachung der Virenaktivität und der Varianten etabliert, die internationale Vernetzung funktioniert gut bis hervorragend. Politik und Behörden stehen heute daher viel bessere Möglichkeiten für evidenzgestützte Entscheidungen zur Verfügung - mitunter sogar bessere als für so manch "altes" Virus. Die Steuerung kann damit viel präziser als zu Beginn erfolgen. Zumindest in der Theorie. Am Wissen scheitert es jedenfalls nicht mehr, wobei es nach wie vor Leerstellen gibt. Gartlehner nennt etwa Long-Covid. "Wir wissen hier nicht einmal die Häufigkeit und kennen nur manche Risikofaktoren."

Risiko von schweren viralen Erkrankungen

Das neue Sars-Virus war entdeckt worden, weil eine ungewöhnliche Häufung von Lungenentzündungen in Wuhan aufgetreten war. Diese Komplikation von Covid-19 war in den ersten eineinhalb Jahren auch die mit Abstand häufigste Ursache für schwere Erkrankungen. Das individuelle Risiko war speziell für ältere Personen bedeutend höher als bei anderen viralen Infekten, bei denen eine breite Grundimmunität in der Bevölkerung besteht. Jeder dritte Corona-Infizierte zwischen 70 und 80 Jahren wurde im Spital behandelt.

Impfstoffe (ab Ende 2021) und antivirale Medikamente (ab 2022) haben zu einer deutlichen Reduktion dieser schweren Akutverläufe geführt, wobei auch die Omikron-Variante die Lunge weniger angreift als ihre Vorgängerin Delta. Covid-Pneumonien sind selten geworden, wie auch Krankenanstalten bestätigen. Jedoch kann das Virus auch andere Organe angreifen, darunter Herz und Hirn. Mit den pharmazeutischen Möglichkeiten kann das individuelle Risiko schwerer Akut-Verläufe aber jedenfalls sehr deutlich reduziert werden. Laut Hospitalisierungsregister haben Covid-infizierte Patienten gegenwärtig zu rund zwei Drittel entweder gar keinen Impfschutz oder die letzte Impfung liegt über ein halbes Jahr zurück.

Welche Gruppen sind aber trotz Impfungen stark gefährdet? Gartlehner verweist auf eine Studie aus England zu Omikron mit 19 Millionen dreimal geimpften Personen. "Man sieht, dass das Alter der höchste Risikofaktor ist." Das Durchschnittsalter der Omikron-Toten lag bei 83,3 Jahren. Auch Personen mit Immundefiziten sind einem deutlich höheren Sterberisiko ausgesetzt, ebenso Personen mit Krebs, Demenz und COPD. Es sind Gruppen, die durchaus auch bei anderen Atemwegserkrankungen ein stark erhöhtes Sterberisiko haben. Omikron ist aber bedeutend infektiöser als andere Erreger und damit das Risiko einer (oftmaligen) Ansteckung viel größer.

Mangel an Infektionsschutz

Es erscheint heute wie eine Erzählung aus einer anderen Epoche, aber anfangs waren Tests, Masken und Desinfektionsmittel Mangelware. Es kam weltweit zu wilden Szenen im Kampf der Staaten um die wenigen Güter. Als ein Flugzeug mit Masken an Bord für die Stadt Wien in einem anderen Staat zwischenlandete, wurde auf der Rollbahn versucht, die Maschine in ein anderes Land umzudirigieren - mit viel Geld. Durch den frühen Lockdown war das Risiko mangelnder Schutzbekleidung für die Allgemeinbevölkerung kaum relevant, wohl aber für jene Personen, die beruflich viele Kontakte hatten oder gar Kranke betreuten. In dieser Phase gab es auch zahlreiche Erkrankungen beim gesamten Gesundheitspersonal. In den Spitälern standen zwar meist Masken zur Verfügung, seltener aber die nun verbreiteten FFP2-Masken. Der niedergelassene Bereich erhielt aber gar nichts. Im April 2020 starb dann ein Hausarzt in Niederösterreich, der sich bei einem Patienten angesteckt hatte.

Masken wurden in eigens gecharteten Maschinen der AUA von China und Taiwan nach Österreich geflogen.  
- © apa / Helmut Fohringer

Masken wurden in eigens gecharteten Maschinen der AUA von China und Taiwan nach Österreich geflogen. 

- © apa / Helmut Fohringer

Dieses Risiko von damals ist heute vollständig gelöst. Es gibt keine Knappheit mehr bei Masken und Desinfektionsmittel, und zudem gibt es in Österreich noch ein gewisses Kontingent an kostenlosen Tests für die Allgemeinbevölkerung. Richtig angewandt, können diese Tests dazu beitragen, das Risiko einer Weitergabe zu reduzieren. Vulnerable können also ein bisschen besser geschützt werden.

Massenweiser Ausfall von Personal

Ein möglicher massenhafter Ausfall von Personal wurde schon zu Beginn der Pandemie als Risiko wahrgenommen, als man das exponentielle Wachstum der Fallzahlen verstand. In nahezu der gesamten kritischen Infrastruktur wurde deshalb Vorsorge getroffen, auch in dieser Zeitung übrigens. Im ORF isolierte sich die "ZiB"-Redaktion in mehreren Teams am Küniglberg, um jedenfalls ihrem Informationsauftrag nachkommen zu können.

Erst zwei Jahre später bei der ersten Omikron-Welle wurde dieses Risiko tatsächlich Realität, denn bei den ersten Wellen hatten die Lockdowns einen derart großflächigen Ausfall von Personal verhindert.

Das Risiko von Massenkrankenständen ist laut Gartlehner nach wie vor gegeben und sogar "höher als früher, weil die Maßnahmen gelockert wurden", sagt der Epidemiologe. Das ist auch ein ökonomisches Risiko, weil die Produktivität dadurch reduziert wird. In der kritischen Infrastruktur gefährdet es die Versorgung. Aktuell ist die Zahl der Krankenstände außergewöhnlich hoch, wobei dazu auch andere Erreger erheblich beitragen.

Das Robert-Koch-Institut in Deutschland beobachtet sämtliche Atemwegserkrankungen und berechnete, dass Ende September 9,1 Prozent der Bevölkerung an einem derartigen Infekt laborieren - nur ein Teil davon an Covid. Das passt auch mit Meldungen aus Österreich zusammen, so fehlte in der Vorwoche in Kärnten jeder zehnte Lehrer. Ähnliches ist auch aus Spitälern zu hören. Die "Kleine Zeitung" berichtete, dass zehn Prozent des Spitalpersonals in der Steiermark krankgemeldet ist, ein Viertel davon wegen Covid-19.

Um das Risiko von Massenkrankenständen bewerten und beobachten zu können, ist eine Betrachtung des gesamten Infektionsgeschehens sinnvoll. Gerade die aktuellen Probleme zeigen, dass der isolierte Fokus auf Covid-19 ungenügend ist. Auch Gartlehner sagt: "Die Ausfälle könnten ein Problem werden." Ein Grund, weshalb derzeit auch andere Infekte stark grassieren, dürfte sein, dass sich durch die Schutzmaßnahmen der Vorjahre die Grundimmunität gegenüber etlichen Viren in der Bevölkerung abgebaut hat. Das Tragen einer FFP2-Maske, die einen Schutz vor den meisten anderen Atemwegs-Infekten bietet, kann also das Risiko insgesamt reduzieren. Zu beachten ist jedoch: Infektionswellen enden mit dem Erreichen eines bestimmten Immunitätsgrades in der Bevölkerung. Die Gesamtzahl an Infektionen kann die Maske daher nicht erheblich reduzieren. Aber erstens könnten die Gipfel dieser Wellen etwas gedrückt werden, womit die Zahl der gleichzeitigen Krankenstände niedriger wird. Zweitens ist es nicht egal, wer sich infiziert. Daher ist vor allem für Risikogruppen das Tragen einer FFP2-Maske während einer akuten Welle angeraten.

Überlastung der Krankenhäuser

Auch auf die Spitäler war sehr schnell ein Fokus gerichtet, wobei man zunächst sogar noch Infizierte in den Krankenanstalten isolierte. Das wurde aber schnell geändert. Rasch zeigte sich auch, dass die Intensivstationen der Flaschenhals im System sind. Selbst in der ersten Welle, in der nur an einem einzigen Tag mehr als 1.000 Corona-Fälle in Österreich registriert wurden (die Dunkelziffer dürfte aber sehr hoch gewesen sein), mussten rund 250 Personen wegen Covid auf der Intensivstation behandelt werden. Aktuell sind es etwa 130.

Das medizinisches Personal arbeitet seit Beginn der Pandemie am Anschlag. 
- © APA / dpa / Sebastian Gollnow

Das medizinisches Personal arbeitet seit Beginn der Pandemie am Anschlag.

- © APA / dpa / Sebastian Gollnow

Innerhalb der Spitäler veränderte sich die Situation, doch die Lage ist nach wie vor angespannt. "Das ist ganz sicher ein systemisches Problem", sagt Gartlehner. Die Intensivstationen stellen gegenwärtig de facto kein Problem mehr dar, was primär der verbreiteten Immunität in der Bevölkerung sowie auch der Omikron-Variante geschuldet ist. Dennoch ist das Risiko, dass aufgrund einer Be- oder gar Überlastung in den Spitälern medizinische Leistungen eingeschränkt werden müssen, nach wie vor gegeben. Es könne ein neuer Normalzustand sein, sagt Gartlehner. Dabei geht es jedoch nicht nur um die große Zahl an Covid-Fällen, sondern um ein unheilvolles Zusammenwirken von Personalmangel, Krankenständen bei Infektionswellen und einer seit Jahren mangelhaften Lenkung der Patientinnen und Patienten innerhalb des Gesundheitssystems. "Wir müssen lernen, wie wir damit umgehen, denn viele ältere Personen sind aus sozialer Indikation im Spital", so Gartlehner. Vorgelagerte Systeme greifen in diesen Fällen nicht, zu viele Personen landen für zu lange im Krankenhaus, obwohl sie anders auch versorgt werden könnten. Das Personal ist vielerorts überlastet. "Es wird einen Ausbau der Akutgeriatrie geben müssen", sagt Gartlehner, der zudem eine bessere Abgabe von Paxlovid fordert. "Das sollte man am besten schon im Vorfeld einer Erkrankung abklären." Das antivirale Medikament muss rasch nach einer Infektion eingenommen werden, um gut zu wirken, hat aber auch Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die einer Abklärung bedürfen - am besten eben schon im Vorfeld.

Langfristige Folgen der Pandemie

Mögliche langfristige oder gar dauerhafte Folgen der Pandemie wurden zwar bereits in der ersten Welle thematisiert, von den akuten Gefahren durch das Virus aber mehr oder weniger in der öffentlichen Aufmerksamkeit verdrängt. Wenn, wurde aber eher über mögliche psychische Folgen durch Lockdowns und Schulschließungen debattiert sowie über gesundheitliche Kollateralschäden aufgrund der Einschränkung medizinischer Leistungen. Im ersten Jahr der Pandemie wurden auch tatsächlich weniger Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt. Das Thema Long-Covid wurde dann erstmals im Herbst 2020 erörtert, im Februar 2021 fand die erste Tagung zu diesem Phänomen von der WHO statt.

Unstrittig ist mittlerweile, dass seit 2020 die Zahl psychischer Erkrankungen, speziell bei Jugendlichen, gestiegen ist, und zwar erheblich. Die Ursachen dafür dürften aber nicht einzig und allein in den Lockdowns zu finden sein. "Wir haben die massiven Auswirkungen auf Kinder und Familien, vor allem Frauen, lange Zeit unterschätzt", sagte Beate Wimmer-Puchinger, Psychologin und Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) kürzlich der "Wiener Zeitung". Auch wenn kaum noch beschränkende Maßnahmen in Kraft sind und die Pandemie langsam abebbt, ist die Zahl der Anrufe beim BÖP immer noch sehr hoch. Auch andere Krisen spielen eine Rolle, weshalb psychische Erkrankungen auch unabhängig von der Pandemie ein akutes gesellschaftliches Risiko bleiben.

Und natürlich ist dies auch Long-Covid, nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich. Noch ist unklar, wie oft langfristige Symptome auftreten, speziell solche, die Betroffene stark beeinträchtigen. Laut Gesundheitskasse waren Anfang September 1.300 Personen wegen Long-Covid krangemeldet. Allerdings weisen diese Daten womöglich erhebliche Lücken auf. Immerhin gibt es Hinweise darauf, dass die Prognose selbst bei schweren Langzeit-Symptomen positiv ist. Zudem dürfte eine Grundimmunität das Risiko von Long-Covid senken.

Durch das Phänomen Long-Covid hat man auch Erkenntnisse über Langzeitfolgen bei anderen Viren erhalten bzw. wird man in den kommenden Jahren noch viel darüber lernen. Noch aber ist das Risiko Long-Covid einigermaßen schwer zu fassen und zu taxieren.