Bis zu 250 Millionen Menschen in China sollen sich, seit Peking am 7. Dezember seine Corona-Politik abrupt gelockert hat, mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Diese schiere Zahl bietet dem Coronavirus jede Menge Gelegenheit für Mutation. Allerdings müsse dabei keine Variante entstehen, die dem Rest der Welt gefährlich wird, sagt der Wiener Molekularbiologe Ulrich Elling. Der Selektionsdruck in China sei derzeit nämlich ein anderer als in den meisten anderen Ländern. Grund ist die Null-Covid-Politik Xi Jinpings, die die Menschen kaum auf die Straßen ließ. Anders als im Rest der Welt, der sämtliche Wellen seit 2020 überstehen musste, war Chinas eingesperrte Bevölkerung bisher wenig mit dem Virus konfrontiert und konnte wenig Immunität aufbauen.

"Freilich lösen Infektionen in China bei uns eine Urangst aus, weil diese Pandemie nun einmal aus China kam", spricht Elling derzeitige Experten-Warnungen vor neuen Mutationen an. "Es gibt aber auch weltweit weiterhin viele Infektionen und es wird in den kommenden Monaten mehr davon außerhalb als innerhalb Chinas geben", sagt er zur "Wiener Zeitung". Nicht zu vergessen sei dabei, dass Evolution in zwei Schritten passiert: Zuerst kommt es zur mehr oder weniger zufälligen Mutation und dann kommt es zur Selektion.

"Es ist wichtig, zu verstehen, dass im Moment in China ein ganz anderer Selektionsdruck herrscht als in den meisten anderen Ländern", erklärt der Molekularbiologe, der am Institut für Molekulare Biotechnologie die Varianten von Sars-CoV-2 für Österreich sequenziert. Vergleichsweise wenige Menschen in China hätten sich infiziert, nur wenige seien geimpft, kaum jemand konnte einen Immunschutz aufbauen und die Impfstoffe des Reichs der Mitte seien schlecht an Omikron angepasst. "Das heißt, es kann sich die dort vorherrschende BF.7-Variante, die bei uns im Herbst eine Spitze erreichte und jetzt wieder am Abklingen ist, in China nahezu ungehindert verbreiten", sagt Elling. Der einzige Selektionsdruck in China ginge in Richtung erhöhte Infektiösität, "aber bei BF.7 ist das ohnehin kaum noch möglich".

Wollte sich das Virus in Europa oder den USA, wo viele Menschen Corona mittlerweile bereits zwei Mal hatten oder drei bis vier Mal geimpft sind, wieder intensiver verbreiten, müsste es lernen, den Immunschutz noch besser zu umgehen. "Diese Form der Selektion findet in China noch nicht statt. Erst wenn Chinas Bevölkerung eine breite Immunität gegen B.7 aufgebaut hat, könnte sich eine neue, immunevasive Variante entwickeln, aber da reden wir von Sommer", sagt er: "Und dann sind wir immer noch voraus, denn dann kann es gut sein, dass es sich um eine Version einer Variante handelt, die hier schon jetzt grassiert." Was in China passiert, gleiche der hiesigen Situation mit Delta und Omikron im vergangenen Jahr.

Erreger bleibt endemisch

Der deutsche Virologe Christian Drosten hatte zuletzt in diesem Winter die erste endemische Welle mit Sars-CoV-2 verkündet, "nach meiner Einschätzung ist die Pandemie vorbei", sagte der Leiter der Virologie an der Berliner Universitätsklinik Charité in einem Zeitungsinterview. Die Immunität in der Bevölkerung werde nach diesem Winter so breit und belastbar sein, dass das Virus im Sommer kaum noch durchkommen könne. Einen weiteren Mutationssprung "erwarte ich im Moment nicht". "Die Pandemie in dem Sinne" sei vorbei, Covid-19 aber "gekommen, um zu bleiben", sagt Elling. Wenn man "Pandemie" so definiert, dass ein neuer Erreger auf eine immunologisch unvorbereitete Bevölkerung trifft, dann sei diese Phase der Auseinandersetzung mit Sars-CoV-2 mehr oder weniger abgeschlossen. Endemie bedeute, dass sich nun zum allergrößten Teil Menschen mit Covid-19 infizieren, die dem Erreger schon ausgesetzt waren.

"Ich wäre vorsichtiger, die Pandemie für grundsätzlich beendet zu erklären", meint hingegen Andreas Bergthaler von der Medizinischen Universität Wien. Das "gesamtgesellschaftliche Bedrohungspotenzial hat sich massiv reduziert", jedoch bleibe Covid-19 eine Gefahr für vulnerable Gruppen, und auch die, mit Long Covid konfrontiert zu sein, bestehe weiter.